Wonderland Ave.

von Sibylle Berg |
Inszenierung: Alejandro Quintana

In dem hochmodernen, klinisch reinen Wohnkomplex »Wonderland Ave.« verbringen die letzten aus dem Arbeitsprozess aussortierten Menschen ihre Tage damit, unter der Aufsicht Künstlicher Intelligenzen über ihre vergangenen Leben, Lieben, Träume und Wünsche zu sinnieren…

Sibylle Berg zeigt eine Zukunft, in der die Menschheit endgültig den Stecker gezogen hat – aber die Wellness-Anwendungen laufen gnadenlos weiter. Der Schauplatz ist ein exklusives Endlager für eine Spezies, die sich im endlosen Bemühen um sich selbst schlicht verüberflüssigt hat. Während die Maschinen mit kühler Eleganz und nicht ohne Amüsement menschliche Unzulänglichkeiten protokollieren und kommentieren, stolpert der Held der Geschichte durch ein absurdes Ballett aus Selbstoptimierung, Herzschmerz und der verzweifelten Suche nach dem nächsten Bio-Smoothie.

»Wonderland Ave« ist eine Satire für alle, die lieber über den Irrsinn lachen, als an ihm zu verzweifeln – solange es die Algorithmen noch erlauben…

Kritiken

Stuttgarter Zeitung | 4.5.2026

Mit hintersinniger Bosheit und Komik

Natalja Maas‹ Person besitzt beachtliche Restbestände an Vitalität. Sie begehrt auf, sie trauert, wütet, gibt all ihren Ängsten und Frustrationen Raum… Manuel Krstanovic spielt die Künstliche Intelligenz als einen höhnischen Zampano der Selbstoptimierung, der die Person nicht zu Wort kommen lässt, das Leben in der ›Wonderland Avenue‹ anpreist, dem letzten Wellnesspark, und aggressiv wird, wenn die Person sich erlaubt, ihr ›Dasein‹ zu beklagen: ›Zustand!‹, korrigiert die KI mit Gebrüll…

›Wonderland Ave‹ liefert an den Rändern Bilder einer Zukunft, die von Maschinen beherrscht wird, in der die Menschen nur noch Versuchskaninchen sind für Apparate, die ihre Humorfunktion testen, in der alle Internetfreunde verschwunden, ausgewandert sind auf Arbeitssuche in ein ominöses Afrika – im Grunde aber rechnet Sibylle Bergs Text mit hintersinniger Bosheit, Komik und einer Spur Sentimentalität die menschliche Unvollkommenheit auf gegen die maschinelle Perfektion, das ›abgezählte Leben‹. Höhnisch verspottet die KI die ›Verklärung der Vergangenheit in der Einsamkeitsbeschreibung‹, schwärmt vom neuen Anfang in einer ›zauberhaften Einrichtung‹, die den perfekten Zustand verspricht. ›Was passiert eigentlich mit den VerliererInnen?‹, fragt die Person. ›Diese Information steht momentan nicht zur Verfügung‹, schnarrt eine Maschinenstimme. Und wo sind all die Politiker hin? ›Das möchten Sie nicht wissen.‹ Die Person der Zukunft aber ist, nicht anders als die Person der Gegenwart, außer sich vor Glück, wenn sie mit einem Gutschein vom allbekannten Internethändler belohnt wird. Sie lässt sich von der KI in Folie wickeln, als sei sie selbst ein Päckchen. Wird sie sich befreien können?

Thomas Morawitzky