»Welche Taste soll ich drücken – diese oder jene?« Diese scheinbar einfache Frage stellt sich nicht nur dem gewöhnlichen Menschen, sondern auch den Mächtigen dieser Welt. Und die Welt zittert vor Angst, ohne zu wissen, welchen Knopf sie als Nächstes drücken werden – hoffentlich nicht den roten.
Der Regisseur »drückt« die Knöpfe einer äußerst intensiven Emotionalität, einer vulkanischen Energie der Schauspieler und einer ununterbrochenen Dynamik des Geschehens. Die Körperlichkeit von Manuel Krstanovic ist beeindruckend. Wie wohl beabsichtigt, erinnerte mich sein Spiel zugleich an Mephisto aus Faust von Goethe und an Woland aus »Der Meister und Margarita« von Michail Bulgakow. Das temperamentvolle Spiel von Natalja Maas – einer Frau mit Gefühlen im perfekten »Wonderland Ave.« – besticht ebenso durch ihre Bewegungsplastik und eine unerschöpfliche emotionale Energie, die das Publikum in ständiger Spannung hält. […]
mehrZur Funktion der KI werden oder Mensch bleiben?
Das Stück »Wonderland Ave.« wurde von Sibylle Berg im Jahr 2018 geschrieben und im selben Jahr am Schauspiel Köln uraufgeführt (Regie: Ersan Mondtag). Vor acht Jahren nutzte noch niemand Künstliche Intelligenz (KI), und kaum jemand ahnte, wie schnell sie in unser Leben eintreten und zu einem unverzichtbaren »Familienmitglied« werden würde – wie Kinder, Hunde oder Katzen. Entsprechend wirkte die Inszenierung von Mondtag 2018 wie ein Gegensatz von System vs. Mensch: eine große Bühne, ein großes Ensemble, die Welt als allumfassendes System. Doch in den letzten acht Jahren hat sich vieles grundlegend verändert – und eine neue Inszenierung wurde notwendig.
Am 30.04.2026 fand im Theater tri-bühne in Stuttgart die Premiere von »Wonderland Ave.« statt, inszeniert von Alejandro Quintana. In der neuen Deutung: eine Kammersituation, nur zwei Darsteller – eine Frau mit menschlichen Gefühlen, gespielt von Natalja Maas, und ein Roboter mit KI, dargestellt von Manuel Krstanovic. Hinter der Bühne entsteht eine neue Welt – nicht mehr als totales System, sondern als Konfrontation Mensch gegen KI, die den Menschen mittels elektrischer Impulse kontrolliert, ihn vor Schmerz und Angst erzittern lässt.
»Wonderland Ave.« ist der Name eines fiktiven, idealen Wohnkomplexes der Zukunft. Der Regisseur wählt zwar eine intime Bühne, blickt jedoch weiter auf den Text. In der Inszenierung von Alejandro Quintana ist «Wonderland Ave.» weniger eine Geschichte über die Zukunft des Menschen mit KI als vielmehr eine scharfe philosophische Satire über den Menschen nach dem Verlust des Sinns seiner Existenz. Alles wird nun von Algorithmen entschieden, der Mensch muss nicht mehr denken – er muss nur noch lernen, die Tasten seines iPhone zu drücken. Diese kleine Box, die den Menschen mit der ganzen Welt verbindet, besitzt heute jeder. Es gilt, ein «Knopfdenken» zu erlernen, bei dem an die Stelle der ewigen Frage von Hamlet – «to be or not to be?» – eine momentane Frage tritt: «Welche Taste soll ich drücken – diese oder jene?» Diese scheinbar einfache Frage stellt sich nicht nur dem gewöhnlichen Menschen, sondern auch den Mächtigen dieser Welt. Und die Welt zittert vor Angst, ohne zu wissen, welchen Knopf sie als Nächstes drücken werden – hoffentlich nicht den roten.
Der Regisseur «drückt» die Knöpfe einer äußerst intensiven Emotionalität, einer vulkanischen Energie der Schauspieler und einer ununterbrochenen Dynamik des Geschehens. Die Körperlichkeit von Manuel Krstanovic ist beeindruckend. Wie wohl beabsichtigt, erinnerte mich sein Spiel zugleich an Mephisto aus Faust von Goethe und an Woland aus «Der Meister und Margarita» von Michail Bulgakow. Das temperamentvolle Spiel von Natalja Maas – einer Frau mit Gefühlen im perfekten «Wonderland Ave.» – besticht ebenso durch ihre Bewegungsplastik und eine unerschöpfliche emotionale Energie, die das Publikum in ständiger Spannung hält.
Alejandro Quintana findet präzise und eindrucksvolle Metaphern für die Beziehung der beiden Figuren: Der KI-Roboter umhüllt die lebendige, fühlende Frau mit Frischhaltefolie und verwandelt sie in einen leblosen, unbeweglichen Kokon. In einer anderen Szene zwingt er sie, auf einem Fahrradergometer immer schneller in die Pedale zu treten – eine Simulation von Bewegung und Leben. Doch die lebendige Frau bewegt sich nicht wirklich vorwärts, denn wahre Energie ist seelisch, nicht physisch auf einem Trainingsgerät. Dagegen entwickelt sich der KI-Roboter weiter – er lernt rasch alles, was der Mensch kann. Er hat bereits gelernt, mit der Stimme von Frank Sinatra zu singen und uns in eine Welt sinnlicher Melodien zurückzuführen.
Er sagt der Frau, dass der einzige Mensch, der sich noch an sie erinnert, ihre Mutter ist. Die Frau weint, während die KI noch nicht versteht, warum. Doch auch dieses Verständnis wird sie erlernen – man muss ihr nur die entsprechenden Befehle hinzufügen: wann zu weinen und wann zu lächeln ist, wenn man sich an die Mutter erinnert. Die lebendige Frau lädt den KI-Roboter zum Tanz ein, umarmt ihn leidenschaftlich und versucht, ihn zu verführen. Wahrscheinlich wird die KI auch diese menschliche Fähigkeit schnell erlernen – und der Mensch wird überflüssig werden.
Vor über zehn Jahren, noch vor der Flüchtlingskrise, inszenierte der bekannte Regisseur Kirill Serebrennikov an der Oper in Stuttgart die Oper «Salome», und kurz vor Beginn der Pandemie brachte er in Berlin den «Decamerone» auf die Bühne. Das Theater erweist sich immer wieder als Seismograf für Gegenwart und Zukunft. Ähnlich verhält es sich im Theater tri-bühne: Die vorherige Premiere «Konfetti» (Regie: Christine Gnann) widmete sich einem aktuellen Thema – der Lawine von Nachrichten, die wie buntes Konfetti aus Fernsehen, Computer, iPhone und inzwischen auch aus der KI auf uns niedergehen.
Auch «Wonderland Ave." greift das hochaktuelle Thema Mensch und KI auf. Darin zeigt sich eine strategische Linie des Theater tri-bühne in Stuttgart: die Wahl drängender Themen und deren Umsetzung in zeitgenössische Inszenierungen. In einer Zeit, in der zwei der blutigsten Kriege des 21. Jahrhunderts stattfinden, gibt es kaum ein dringlicheres Thema als den Pazifismus. Am Ende der Aufführung stellt die Protagonistin dem Publikum die hamletische Frage unserer Zeit: Soll man zur Funktion der KI werden oder Mensch bleiben?
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