Der ungarische Schriftsteller István Örkény (1912-1979) hat eine literarische Form erfunden: die Minutennovelle, deren Lektüre nicht mehr als eine Minute beansprucht und deren Titel unmissverständlich sein muss wie die Nummer einer Straßenbahn. Er schrieb sie »während der wenigen freien Stunden, die er der Geschichte abtrotzen konnte« – einer Geschichte, die ihm vor allem Verfolgung, Krieg, Gefangenschaft und den unberechenbaren Alltag in einer repressiven Gesellschaft zugedacht hatte.
Wir lesen z.B. von einer Tulpe, die sich vom Fensterbrett stürzt, weil sie keine Tulpe mehr sein will; oder von der Pförtnerin eines Unternehmens, die zwanzig Jahre lang dieselbe Auskunft gibt, bis sie eines Tages einen unerhörten Satz spricht und für Sekunden ein Loch in die Welt schlägt.
Die Minutennovellen, deren Humor und Rätselhaftigkeit an Kafka erinnern, gehören längst zu den Klassikern der osteuropäischen Moderne.
Rezitiation: Edith Koerber
Musikalische Begleitung auf dem »Hang«: Sebastian Huber
Am Montag, dem 3. Dezember 2012, um 19.00 Uhr
In deutscher Sprache
Im Kulturinstitut der Republik Ungarn
Haußmannstr. 22, Stuttgart-Mitte
Infotelefon 0711 164 870
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