In meinem Alter rauche ich immer noch heimlich

von Rayhana |
Regie: Edith Koerber
In deutscher Sprache

Ein Hamam, ein Dampfbad, an einem für Frauen reservierten Tag: Hier trifft Islamistin auf Atheistin, Geschiedene auf achtfache Mutter, Emigrantin auf traditionelle Ehevermittlerin. Im geschützten Raum des Hamam wird getratscht, gelacht, gelästert, gestritten und diskutiert.

Religiöse Gewalt, fundamentalistische Fanatiker, geliebte und gehasste Ehemänner, geheime Liebhaber, ungeliebte Mütter und sehnsuchtsvolle Träume werden da besprochen, mit einer entwaffnenden Direktheit.

Und so zeigt die algerische Dramatikerin Rayhana in ihrer außergewöhnlichen Tragikomödie ein differenziertes, lebendiges, spannendes und humorvolles Bild von Frauenschicksalen in einem patriarchalen, vom Islamismus bedrohten Staat unserer Zeit.

»Rayhana widerlegt einen berühmten Satz Alexander von Humboldts, demzufolge die gefährlichste Weltanschauung die Weltanschauung der Leute sei, welche die Welt nie angeschaut haben. Die Männer und auch einige Frauen im Stück haben die Welt sehr wohl angeschaut, aber diese Welt hat nicht zurückgeschaut. Religion wird für die Verlierer der Globalisierung zum einzig verbliebenen Narrativ ihrer Identitätsbildung. Denn nach dem Ende der Konfrontation zwischen den Systemen in Ost und West ist die Welt über eine andere Achse geschlagen worden. Das Nord-Süd-Gefälle, die große Armutsgrenze, schafft eine neue bipolare Ordnung. Und in dem Maße, wie Europa sich zur Wohlstandsfestung ausbaut, trägt es bei zur Radikalisierung jenseits des Mittelmeers. Die Grundidee des Stückes als Versuchsanordnung hinter verschlossenen Türen ist so einfach wie genial. Doch ist die Unterdrückung der Frau in der islamisch geprägten Welt Stoff für eine Komödie? Auch wenn es eine Komödie ist, die ein tragisches Ende nimmt? Jeder gute Witz sei eine Tragödie und umgekehrt, hat der große Theatermacher George Tabori einmal gesagt. Auch bei Rayhana ist der Witz befreiend, weil er erkenntnisstiftend ist … Rayhanas Stück ist ein rhetorischer Schleiertanz, der einem die Augen öffnet mit dem Mittel der sprachlichen Enthüllung. Wie jedes Theaterstück ist auch dieses aus Worten gemacht, doch weil es in diesem Fall besonders offene und offensive Worte sind, ist ihr Stück zugleich noch aus einem anderen, selteneren Stoff gemacht: dem Mut.«
(Christopher Schmidt, »Theater der Zeit«, Januar 2015)

Die 1964 in Algerien geborene Dramatikerin und Schauspielerin Rayhana floh vor islamistischer Gewalt nach Paris. 2010 wurde »In meinem Alter rauche ich immer noch heimlich« in Paris uraufgeführt. Fundamentalisten versuchten einen Brandanschlag auf Rayhana, der glücklicherweise fehlging.
2014 wurde Rayhana für ihr Stück mit dem angesehenen Jürgen Bansemer & Ute Nyssen-Dramatikerpreis ausgezeichnet. Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek 2013 an Ute Nyssen: »Wie ein Fächer Karten blättert sich in diesem Stück die Vielfalt der arabischen Frauen auf. Auch wenn man die Verhältnisse nicht kennt, weiß man sofort: es ist wahr, was hier verhandelt wird.«
Inzwischen wurde das Stück auch verfilmt, Rayhana hat selbst Regie geführt. Michèle Ray-Gavras hat produziert, sie und ihr Mann Costa-Gavras waren vom Stück begeistert.
Der Film wurde im November 2016 beim Thessaloniki International Film Festival uraufgeführt.

Kritiken

Stuttgarter Zeitung | 13.11.2016

Melancholische, mit Witz gezeichnete Hommage

»Fatima hat acht Kinder, einen unerträglichen Ehemann und eine schlecht bezahlte Arbeit als Masseurin im Hamam. Vom Leben erwartet sie nicht mehr viel, von Gott schon gleich gar nicht. Erst recht nicht, seit die selbsternannten Glaubenswächter, die ›rasiert nach Frankreich gefahren und mit langem Bart zurück gekommen sind‹, die algerische Gesellschaft terrorisieren.

Doch im Hamam, dieser vor der Männerwelt verschlossenen Oase der Intimität, können Fatima und ihre Kundinnen offen reden. Über Sex, Liebe und die Härten ihres Lebens. ›In meinen Alter rauche ich immer noch heimlich‹, seufzt Fatima (Natascha Beniashvili-Zhed) bei einer kurzen Pause. So lautet auch der Titel der Tragikomödie der in Frankreich lebenden algerischen Autorin Rayhana.

Man kann dieses im Nachbarland viel gespielte Stück… als melancholische, aber auch mit Witz und derben Sprüchen gezeichnete Hommage an die Frauen ihrer Heimat lesen. Aber es steckt noch mehr in diesem Drama, das die Intendantin Edith Koerber mit einer großartigen Schauspielerinnenriege besetzt hat – acht Frauen stehen auf der Bühne und jede einzelne spielt mit großer Emotion und Eindringlichkeit.

›Im Hamam wird nicht über Politik gesprochen‹, herrscht Fatima, die Herrscherin über die Dampfschwaden, zwei streitende ehemalige Freundinnen an. Doch der tiefe Riss, der durch die algerische Gesellschaft geht, zieht sich auch durch die Gemeinschaft der Badenden.

Zaya kommt im Tschador und will, dass ihr kleiner Sohn einmal zum Gotteskrieger wird. Ja, sie ist eine Fanatikerin, aber sie hat auch eine Geschichte, die ihre Entscheidung sich einem todbringenden totalitären System unterzuordnen, von dem sie nichts als Unterordnung zu erwarten hat, zwar nicht rechtfertigt, aber erklärt.

Im heißen Dampf des Hamams wird Tacheles geredet. Doch neben dem Dirty Talk und den Lektionen in Politik gibt es noch eine weitere Ebene in diesem klug konstruierten Stück – die der Poesie, die auch durch das Bühnenbild unterstrichen wird. Selbst wenn der Schutzraum Hamam zunehmend gefährdet wird, bis der Terror der Islamisten auch vor diesem Hort der Frauenpower nicht Halt macht – am Ende steht ein Traum, ein wunderbares Bild einer Wolke aus schwarzen Schleiern, die über dem Meer untergeht.«

Dorothee Schöpfer
Esslinger Zeitung | 13.11.2016

Viel Sprachwitz und französische Leichtigkeit

»Es ist ein starker Theaterstoff… Das Stück spielt irgendwo in einem arabischen Staat im hermetischen Raum eines Hamams, eines Dampfbades, an einem für Frauen reservierten Tag: Hierher flüchtet sich eine junge verzweifelte Frau, die kurz vor der Entbindung steht. Weil sie unverheiratet schwanger wurde, wird sie von ihrem Bruder verfolgt, der sie töten will – das kennen wir auch in Deutschland, diese sogenannten ›Ehrenmorde‹.

Aber Rayhana machte aus diesem Stoff kein schwerblütiges Moralstück, sie schrieb eine Tragikomödie mit viel Sprachwitz und einer durchaus französischen Leichtigkeit. Dabei wird der Hammam zum Treffpunkt unterschiedlicher Frauentypen, die der häuslichen Enge entfliehen, um zu reden. Über Gott und die Welt, aber vor allem über Männer, ihre Ehe, über Sex. Und das recht deftig. Es wird schnell klar: ›Den Islam‹ gibt es nicht. Es sind ganz unterschiedliche Geschichten, von denen die neun Frauen auf der Bühne berichten…«

Verena Großkreutz
Ludwigsburger Kreiszeitung | 13.11.2016

Die scharfe Waffe des Lachens

Einiges zu lachen gab es bei der Eröffnungsveranstaltung zum Europa-Theater-Treffen (SETT) in der tri-bühne… […]

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Arnim Bauer