Importierte Exponate

Eine Komödie über Unterdrückung, Ausgrenzung und Schnaps
von Denis Kundic |
Regie: Florian Dehmel

Importierte Exponate – Ein kleiner Prolog

Es heißt: Im Wein liegt die Wahrheit, doch im Schnaps schläft die Phantasie. Die Phantasie ist das Geschenk der Götter an den Menschen. Durch sie verwandelt sich der Alltag in Literatur; in jeder Bewegung steckt ein Tanz und die Worte erklingen als zauberhafte Musik. Dank der Kraft der Phantasie können wir die Welt und uns selbst als schöne Kunst betrachten. Denn nur im Betrachten des Gegenübers kann der Mensch sein Selbst entdecken. Schon bei Hegel ist zu lesen: »Immer, wenn sich jemand am Zinken kratzt, bemerke ich, dass ich niesen muss«.

Aus diesem Grund hat sich der Mensch die Kunstausstellung erdacht. Hier akzeptieren wir die Spiegel, die uns vorgehalten werden. Doch um eine Ausstellung fachgerecht zu kuratieren, benötigt man drei Dinge:

Erstens den Blick für das richtige Verhältnis: Denn es ist nicht nur das Ausstellungsstück an sich, sondern die Spannung zwischen den einzelnen Exponaten, die im Besucher die Reaktion und den Dialog stimuliert. Zweitens Trinkfestigkeit: eine Vernissage sollte man nicht nüchtern betreten und darf man vor allem nie nüchtern verlassen. Und drittens bzw. zu guter Letzt die Exponate selbst: ohne den Ausstellungsgegenstand keine Ausstellung. Und auch keine Fördergelder.

Mit großer Sorgfalt und feinem Sinn für das dramatische Detail zusammengestellt sind die Exponate dieses Abends, die Ihnen im Folgenden vorgestellt werden:

Exponat 72B. Titel: »Konstantin, der bücherwurmende Eindringling«:
Durch seine mächtige Präsenz wirkt dieser Haudegen wie ein in Schieferplatten gepresster Gigant. Doch sein Kern ist aus Watte geformt: das Weiche ist ihm Gesetz und die Lieblichkeit ist seine Sprache.

Exponat 743/425679 – C2H6O. »Sibylle, die dürstende Romantikerin«:
Die franziskanische Liebe zu Tieren ist ebenso ihr Attribut wie die markanten Augengläser, die man in vielen Darstellungen ihrer Figur findet. Sie deuten auf die Weitsicht und den nüchternen Scharfblick hin, mit dem sie in den Legenden immer wieder die Wahrheit aufdeckt.

Exponat X vier eins U, genannt: »Vinnie, der stromhandwerkende Kubaner«:
Seine zarte Gestalt verleiht ihm etwas Verletzliches und Kindliches, das beim Betrachter sofort den Beschützerinstinkt weckt. Als Meister der Elektrik borgt er seine philosophische Ansicht von Heraklit: »Alles fließt, vor allem der Strom«. Auf seine exotische Herkunft reagiert man mit Neugier und Zuvorkommenheit. (Das Exponat wurde aus der Karibik importiert und soll beizeiten auch wieder an das dortige Handwerkermuseum zurückgegeben werden.)

Exponat 2A, »Nana, die animierdamende Geschäftsführerin«:
Das Wesentliche dieses Exponats ist die ständige Geschäftigkeit. Das Schuften ist Nanas Makel. Eine gewisse kecke Aufgeblasenheit ist ihr attraktiver Charme.

Exponat 18 1/2. »Krüger, der orchestergewaltige Solist«:
Wie schon bei seinen beruflichen Ahnen, den Minne- und Bänkelsängern ist es auch Krügers Aufgabe, auf unterhaltsame Weise dem Volk den Spiegel vorzuhalten. Die Fröhlichkeit, die sein Wesen ausmacht, drückt er in Noten, Worten und Zeichen aus.

Exponat 1, »Pacinski, der Schinder«:
Als ausschließlich gedankliches Konzept ließ sich für dieses Herrschaftssymbol in der gesamten Kunstgeschichte keine geeignete Form finden. Das Pacinski-Syndrom wird nur in der Metapher manifest. Seine Omnipräsenz wird oft in der listigen Gestalt des Fuchses repräsentiert. Man muss jedoch anmerken, dass die Klugheit des Fuchses generell oft überschätzt wird, weil man ihm die Dummheit der Hühner als Verdienst anrechnet.

Denis Kundic

wurde 1977 im schwäbischen Backnang geboren. Seine Eltern stammen aus Bosnien und sind 1970 nach Deutschland ausgewandert. Schon während seinem Philosophiestudium in Berlin hat er Drehbücher geschrieben und lektoriert; mehrere Kurzfilme folgten. Nach einem freien Theaterprojekt im öffentlichen Raum während der WM 2006 weitet sich der Schreibhorizont aus. Texte für den Rundfunk und die Bühne entstehen, ebenso Kritiken und Artikel für verschiedene Magazine. Als Musiker und DJ hat er außerdem mehrere Alben veröffentlicht und zwei Jahre lang eine monatliche Radioshow produziert.

Kritiken

Stuttgarter Zeitung | 18.1.2015

Rasantes Drama

»Exponate hängen an der Wand oder stehen in der Vitrine. Im Theater haben Ausstellungstücke aber nichts verloren. Oder doch? Der in Backnang geborene Autor Denis Kundic führt in seinem Stück ›Importierte Exponate‹ die sprechenden Personen als Exponate ein. Die vier Figuren sind unter einem weißen Tuch verborgen und werden vom Spielleiter, der auch DJ ist, nach und nach enthüllt. Dazu gibt eine Stimme aus dem Off eine ironiegetränkte Einführung: Nur bei einer Kunstausstellung halte es der Mensch aus, via Exponat einen Spiegel vorgehalten zu bekommen. Nur dann offenbare sich das eigene Selbst… Und überhaupt sollte man eine Vernissage nie nüchtern verlassen.

Dementsprechend wird sehr viel gesoffen in dieser ’Komödie über Unterdrückung, Ausgrenzung und Schnaps«. So lautet der Untertitel des gut eine Stunde dauernden rasanten Dramas, das jetzt im Theater tri-bühne uraufgeführt wurde. Nach dem pfiffig inszenierten Prolog (Regie: Florian Dehmel) plagt die zum Leben erweckten ›Exponate‹ ein ziemlicher Kater. Es ging hoch her am Vorabend im Tanzlokal Forstfreunde, die Putzfrau hätte am morgen fast geheult, sagt Nana, die Wirtin. Der verklemmte Bücherwurm Konstantin ist wieder nüchtern, aber immer noch sehr verliebt in diese Nana, die ihn jedoch nur zornig anschreit. Haben könnte er dagegen Sybille. Die will er aber nicht, weshalb Sybille einen Schnaps nach dem anderen kippt. Severin Gmünder spielt diesen Kleinbildungsbürger Konstantin sehr gut, der genauso mit seinen romantischen Gefühlen wie mit dem Hochprozentigen kämpft. Noch viel geplagter ist er aber von dem lang angestauten Groll, der sich allmählich Luft verschafft. Von seiner Wut gegen die anderen, die Ausländer und insbesondere den Kubaner Vinnie, der bei Nana bessere Chancen hat…

Die Sätze fliegen den Figuren in Denis Kundic’ Stück nur so um die Ohren, eine Wortkaskade reiht sich an die nächste. Die hetzenden Parolen von Konstantin gegen Vinnie wirken in Zeiten der Pegida-Demonstrationen erschreckend aktuell…"

Dorothee Schöpfer
Ludwigsburger Kreiszeitung | 18.1.2015

Dicht und prall

»›Eine Komödie über Unterdrückung, Ausgrenzung und Schnaps‹ nennt Denis Kundic im Untertitel sein Stück ›Importierte Exponate‹, das in der tri-bühne uraufgeführt wurde. Er führt mit Regisseur Florian Dehmel in die skurrile Welt einer Ausstellung von Figuren, die ihr Eigenleben entwickeln, nachdem sie ›Krüger‹ (Sebastian Huber) enthüllt hat, der als eine Art Kurator fungiert. Wir treffen auf Konstantin, der als ›bücherwurmernder Eindringling‹ bezeichnet wird (Severin Gmünder). Wir treffen auf den ›stromhandwerkenden Kubaner‹ Vinnie (Manoel Vinicius Tavares da Silva), auf die ›animierende Geschäftsführerin‹ Nana (Natascha Kuch) und die ›dürstende Romantikerin‹ Sibylle (Sofie Alice Miller).

In allerlei Aktionen und Interaktionen entfalten diese Figuren ihre speziellen Eigenheiten, diskutieren, agieren, sabotieren sich gegenseitig. Hier liegen sicher die Qualitäten des Stückes des 1977 in Backnang geborenen Autors. Lebendig geht es zu, Bewegung äußerlich und innerlich füllt das Geschehen. Kundic und Dehmel haben eine Aufführung geschaffen, die 75 Minuten lang zum Zuschauen auffordert, die dicht und prall etwas zu bieten hat.

Daran beteiligt ist auch die junge Truppe der tri-bühne, die wieder ihre Fähigkeit beweist. Vieles dreht sich um die Figuren. So werden auch die kleinen Mängel dieses wunderbar zügig dargebotenen Stückes gerne toleriert… Aber über diese Phasen hilft das Spiel der Akteure, hilft auch eine Prise Humor hinweg, der in dem Ganzen steckt. Das Theaterspiel lebt von den Gegensätzen der Figuren, von ihrer Inhomogenität, zieht daraus seine Konflikte. Und der Schnaps spielt auch eine Rolle.«

Arnim Bauer
Stuttgarter Nachrichten | 18.1.2015

Tiefe Abgründe

»Der Zeitpunkt für die Uraufführung am Samstag hätte kaum passender sein können. Denis Kundic’ Stück mit dem Untertitel ›Eine Komödie über Unterdrückung, Ausgrenzung und Schnaps‹ eignet sich vermeintlich perfekt als Theaterbeitrag zu Pegida und allem anderen, was an latenter Angst vor Fremdem kursiert.

Es ist die Beiläufigkeit, mit der die eigene Unzufriedenheit in fremdenfeindliche Ressentiments mündet, die den Charakter des Stückes ausmacht und ihm Aktualität verleiht.

Die Geschichte ist banal. Aber der gebürtige Backnanger Kundic weiß, dass sich in gerade dieser Belanglosigkeit tiefe Abgründe auftun…«

Judith Engel