Geldreigen

von István Kerékgyártó |
Regie: László Bagossy

Seid umschlungen Millionen, möglichst auf meinem Konto! Oder wenn es schon keine Millionen sind, dann wenigstens Hunderttausend. Oder Tausend oder wenigstens etwas für einen Schuss Heroin. Wir sind im Ungarn unserer Tage. Es geht um den Reigen des Geldes von den höchsten Kreisen bis hinunter zu den niedrigsten und wieder hinauf. Und oben bleibt davon naturgemäß mehr liegen als unten. Der Reichtum sammelt sich nun einmal in den oberen Etagen der Gesellschaft an. Etwa ein Drittel der Bevölkerung lebt hingegen unter prekären Verhältnissen. Dieses Stück ist das Kurzportrait eines Landes der Europäischen Union. Ein Schnappschuss sozusagen.

Gute Schnappschüsse werden gründlich vorbereitet. Autor István Kerékgyártó, 1953 in Südungarn geboren, weiß, wovon er spricht – war er doch aktiver und erfolgreicher Teilnehmer des Geldreigens in der Nachwendezeit. Und er hat als stellvertretender Staatssekretär auch die hohe Politik aus nächster Nähe kennengelernt. Bis er 1999 mit seinem bis dahin geführten Leben radikal brach und sich zur Aufgabe machte, alles aufzuschreiben, was er aus nächster Nähe gesehen und erlebt hatte. Und er hat sehr viel gesehen. Er veröffentlichte einen Roman nach dem anderen, einer davon, »Rückwärts«, ist inzwischen auch in deutscher Sprache zu haben. Sein jüngster Roman ist im April 2014 unter dem Titel »Hurok« (Schlinge) in einem slowakischen Verlag erschienen, der ungarische Literatur vertreibt. Das Stück »Geldreigen« ist eine Dramatisierung dieses Romans.

Kerékgyártó (oder in der deutschen Bedeutung »Rademacher«, so stellt er sich übrigens deutschen Gesprächspartnern gegenüber gerne vor) hat die Struktur des Stückes »Reigen« von Arthur Schnitzler als Muster benutzt, nur dass es bei ihm vor allem ums Geld geht und nur am Rande um sexuelle Begegnungen. Auch wenn die Sexualität, in einer ihrer pervertierten Formen, eine entscheidende und zugleich absolut nebensächliche Rolle spielt.

Wir erleben in diesem Stück eine Menschenkette, in der jedes Glied einmal Täter und das andere Mal Opfer ist. Die Beziehungen, in denen diese Menschen zueinander stehen, sind tragisch, nach etwa anderthalb Stunden werden wir jedoch feststellen, dass selten eine Tragödie so komisch ist wie »Geldreigen«. Wir sehen zwar einen Querschnitt der heutigen ungarischen Gesellschaft, aber die Frage schleicht sich unaufhaltsam ein, ob wir die Elemente dieser komischen Tragödie nicht auch woanders her kennen…

Kritiken

Stuttgarter Zeitung | 13.10.2014

Bravourös

»›Geldreigen‹ zeigt ähnlich wie in Arthur Schnitzlers ›Reigen‹ eine Kette von Szenen, die Menschen miteinander verknüpfen. Die Verbindung ist durch Geld gegeben, vor allem aber geht es um Macht, die erbarmungslos ausgeübt wird…

›Geldreigen‹ ist keineswegs nur an die Gegenwart gebunden, es intoniert Allgemeingültiges, und das ist seine Stärke. Einleuchtend ist auch der harte Takt der acht Szenen, der ironisch von den Klängen eines Spinetts unterstrichen wird, das wie beim Rezitativ einer Barockoper erklingt. Bisweilen singen einzelne Schauspieler sogar kurze Rezitative als amüsantes Element der Verfremdung (Komposition: Sebastian Huber). Überhaupt arbeitet die Inszenierung von László Bagossy sehr stark mit Distanzierungen und Überzeichnungen. Die Akteure erstarren laufend zu Standbildern. Eine Regieidee, mit der die Fremdbestimmung der Menschen bestechend in Szene gesetzt wird. Die zehn Darsteller bekommen das bravourös hin.«

Cord Beintmann
Stuttgarter Nachrichten | 12.10.2014

Böses Theater

»Es geht um Bares. Eine Summe, mal kleiner, mal größer, kreist durch unterschiedliche Gesellschaftsschichten, ganz in der Manier Arthur Schnitzlers – nur dass Macht und Abhängigkeit an die Stelle von Sexualität getreten sind. Das Theater tri-bühne spielt ›Geldreigen‹, ein Stück des Ungarn István Kerékgyártó – acht Szenen, acht Milieus, sämtlich korrumpiert und ohne Hoffnung: böses Theater…

István Kerékgyártó war einst, zur Nachwendezeit, selbst stellvertretender Staatsekretär. Ob sein Stück als Kurzporträt Ungarns in der EU besteht, bleibt fragwürdig – als bitter zugespitzte Satire könnte ›Geldreigen‹ die ganze Welt meinen… László Bagossys Regie allerdings bringt sarkastischen Schwung in den Reigen: Es gibt einen Chor, der trockene Kommentare singt, ein Keyboard, das Cembalo spielt – und neun Darsteller, die im wandelbaren Bühnenbild von Levente Bagossy, ihre Archetypen des Kapitalismus mit boshafter Überzeugungskraft verkörpern.«

Thomas Morawitzky
Ludwigsburger Kreiszeitung | 12.10.2014

Von Wut getragen

»Und wie sie alle am Gelde hängen, nach ihm lechzen, nach ihm gieren. Der Minister ohnehin, wenn er seine Untergebenen triezt. Nach ihm der Staatssekretär (Martin König), der seine Direktoren plagt und ausnimmt. Und der Direktor (Cornelius Nieden), der den von ihm gemachten Händlerchef (Stefan Kirchknopf) erst päppelt und dann erpresst. Dieser wiederum, erpressbar ob seiner schwulen Exzesse, lässt seinen Frust an seinem früheren Partner, dem Filialleiter (Severin Gmünder) aus, dieser quält seine Kassiererin (Natascha Kuch), die für ihren verschuldeten, heroinabhängigen Bruder (Manoel Vinicius Tavares da Silva) ein paar Euro entwendet hat. Dessen Freundin Bea (Sofie Alice Miller) will das Geld wieder reinarbeiten, prostituiert sich und gerät an den Minister als Kunden.

Kerékgyarto zeichnet ein bitterböses Bild einer korrupten Gesellschaft. Das Geld ist für alle die Triebfeder, aber alle sind Täter und Opfer zugleich. Anders als in Schnitzlers ›Reigen‹ ist das Geld das verbindende und treibende Element, die Sexualität, bei Schnitzler Triebfeder des Ringelreihens, ist nur ein Nebenschauplatz.

Ein direktes Stück, weit weg von der vorherrschenden Theaterästhetik hierzulande, kräftig in Sprache und Inhalt, manchmal fast ein wenig simpel gestrickt, aber spürbar von einer ungemeinen Empörung, ja Wut getragen.

László Bagossy hat in diesem direkten Stil inszeniert, die Figuren, Minister, Staatssekretär und so weiter entlarven sich auch durch ihre derbe Sprache, die jede Geschliffenheit, jede Stilistik vermissen lässt. Primitive Menschen werden da gezeigt und neben dem Zorn, der den Autor treibt, ist es auch Verachtung, die aus seinen Sätzen spricht. Vorbild für alles ist seine Heimat Ungarn, Mitglied der feinen EU-Gesellschaft, die sich kaum daran stört, dass unter dem Ministerpräsidenten Orbán nicht nur faschistoide Elemente die Politik bestimmen, sondern eben auch jene korrupten Strukturen offenbar gang und gäbe sind. Nicht nur in Ungarn, aber dort eben sehr ausgeprägt…

Ein böses, realitätsnahes Stück, voller drastischer Szenen und Dialoge, ein Blick in den Hades in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, politisches Theater in einer sehr ursprünglichen Form. Wenn unsere Kanzlerin schon den verräterischen Begriff von der ›marktgerechten Demokratie‹ prägt, dann sind wir mit diesem Stück doch nicht so weit weg von den geschilderten Verhältnissen.«

Arnim Bauer