Hoimetaberau

Schwäbische Tüftlersonate
von Franz Xaver Ott |
Regie: Christine Gnann

Hans und Albert sind die Hauptfiguren in Franz Xaver Otts preisgekröntem Stück, Archetypen des Urschwabentums, wie man sie im letzten Winkel der schwäbischen Alb noch finden mag. Schaffer, Bruddler, Tüftler sind sie. Genial und engstirnig, intolerant und großherzig zugleich – als wären sie gleichsam Personifikationen hegelscher Dialektik.

Die dritte Hauptfigur ist »d‹r Sell«, eine monströse Universalmaschine, die zu allem und jedem zu gebrauchen ist und die von den beiden Tüftlern unentwegt modifiziert und erweitert wird. Die vierte und letzte Hauptfigur schließlich ist der schwäbische Dialekt selbst, den Ott zelebriert, seziert und analysiert und von einem sprachlichen Höhepunkt zum nächsten treibt.

Enorm musikalisch, sarkastisch, komisch und böse serviert Ott Mundarttheater, wie man es selten zu sehen bekommt.

Premiere am 24. Februar 2012.
Die Aufführungsrechte liegen bei Franz Xaver Ott.

Kritiken

Hamburger Abendblatt | 10.6.2012

Eine wirkliche Entdeckung

Für eine wirkliche Entdeckung sorgte das Stuttgarter Theater tri-bühne mit Franz Xaver Otts ›Hoimetaberau‹. In Christine Gnanns Regie ziehen Marcus Michalski – als der Jüngere im Duo zweier Einsamer – mit Reinhold Ohngemach alle Register der Komödiantik. Sie mimen, tanzen und werkeln stumm und spielen mit Klängen und Worten in dieser Satire auf kleingeistigen Größen- und Erfinderwahn. […]

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Annette Stiekele und Klaus Witzeling
www.hamburgtheater.de | 9.6.2012

Würdiger Abschluss

"Zuerst fehlt Hans und Albert (Marcus Michalski, Reinhold Ohngemach) nur der dritte Mann beim Skat. Die zwei Grantler haben alle Kandidaten erfolgreich mit ihrem Genöle vergrault und die bisher entwickelten Apparaturen aus Rechen mit aufgesteckten Karten überzeugen sie nicht. Also fällt ihr Blick auf die Maschine in ihrer gemeinsamen Werkstatt. Könnte ›d‹r Sell‹ nicht zum dritten Mann in ihrer Kartenspielrunde umfunktioniert werden? Doch dann stellen die beiden Tüftler fest, dass sie daran scheitern ihm das ›Schwätzen‹ beizubringen, und widmen sich wieder ihrer Ursprungsidee: D‹r Sell soll fliegen können. Alle Kabel werden mit fröhlichem Pfeifen verbunden, der Schalter umlegt, aber es passiert nichts. Vielleicht doch lieber eine Maschine zum Erzeugen von Heimaterde? Die wird schließlich von vielen Leuten so dringend benötigt. Wenn Flüchtlinge, Vertriebene oder Migranten sich einfach ihre eigene Portion Heimatgefühl erschaffen könnten? Doch der Ältere bleibt skeptisch: Dieses übertriebene Gewese um die Heimat scheint ihm vorgestrig und suspekt. Aus der Heimaterde-Maschine zieht der Jüngere als Ergebnis ihres Mahlvorgangs einen Schraubenzieher; wenn der Mensch basteln kann, ist er eben zuhause.

Für die beiden schwäbischen Querköpfe in ihrer grünen Fleeceweste und ihrem grauen Arbeitskittel stimmt das auf jeden Fall. Wenn der Schwabe tüfteln und handwerkern kann, ist seine Welt in Ordnung. Ihr Geschöpf, d‹r Sell, ist ihnen Selbstverwirklichung genug. Als sich zum Schluss die Propeller der Ventilatoren an ihrem Flugapparat drehen und die Beiden selig in ihren Himmel der Bastler abheben, hat sich ihr Lebenssinn erfüllt.

Die ›schwäbische Tüftlersonate‹ von Franz X. Ott lebt unter der Regie von Christine Gnann von Sprache, Musik und Eigensinn. Die beiden Schwaben spielen mit ihrer Mundart, dass es auch für Norddeutsche verständlich ist. Man muss sich nur ein Equivalent-Paar auf plattdeutsch vorstellen. Die Eigenbrötler bedienen sich der schwäbischen Volkslieder, um sie ironisch unterfüttert für ihre Zwecke zu gebrauchen. Und sie nutzen ihre eigenwillige Mundfaulheit, um eine dadaistische Philosophie zu entwickeln.

Ein tolles Gastspiel der Theater tri-bühne aus Stuttgart, das hintersinnig, amüsant und tiefgründig unterhielt und anregte. Ein würdiger Abschluss der diesjährigen Privattheatertage.

Birgit Schmalmack
KULTUR | 29.2.2012

Schwabenstreich

»Das Stück lebt von Doppeldeutigkeiten, Wortspielen und schiefen Dialogen. Auch zwei gestandene Schwaben wie Hans und Albert verstehen nicht immer, was der andere meint. In der Szene ›S‹passt henta ond vorna net zamma‹ schraubt Hans an einer besonders hartnäckigen Schraube, schimpft und beklagt sich, dass es doch früher immer gegangen sei. Sein Kumpel reagiert gleich mit dem Hinweis auf eine gescheiterte Beziehung Hans‹ mit einer gewissen Sonja. Dem folgt ein ›Befreiungsschlag‹, der in eine skurrile Zeitlupenszene mündet.

In solchen Momenten zeigt sich die Kunst der Regisseurin Christine Gnann, die diesem Abend ein passgenaues Timing verleiht. Da wird das Quietschen eines Drehstuhls zum Ereignis und die beiden Darsteller Reinhold Ohngemach und Marcus Michalski wechseln immer zum rechten Zeitpunkt das Tempo, oszillieren plausibel zwischen halsbrecherischen Aktionen und Müßiggang. Ohngemach im grauen Arbeitsmantel und Michalski mit Weste und Schnauzbart sind ideale Darsteller für diesen Schwabenstreich, treffen immer den richtigen Tonfall und die Balance zwischen bruddelnder Introvertiertheit und weitschweifigem Schwadronieren.«

Marcus Dippold
Esslinger Zeitung | 28.2.2012

Hintergründiger Humor, satirische Tiefe

»Der Spracherzieher und Mundartforscher Fritz Rahn beschreibt in seinem Buch ›Der schwäbische Mensch und seine Mundart‹ den hiesigen Stamm als einen, ›der die heftigsten Gegensätze zusammenspannt‹. Kühnheit und Zaghaftigkeit, Rebellentum und Spießigkeit, Misstrauen und Zutraulichkeit seien ebenso in einem schwäbischen Individuum vereint wie Standfestigkeit und Labilität sowie Höhenflug und Horizontlosigkeit.

Diesem Bauplan gemäß scheint auch Franz Xaver Ott die Figuren Hans und Albert entworfen zu haben, die in seinem preisgekrönten Stück ›Hoimetaberau‹, das 1997 am Theater Lindenhof uraufgeführt wurde und nun an der Stuttgarter tri-bühne in einer Inszenierung von Christine Gnann zu sehen ist, die schwäbische Seele verkörpern. Sie sind alles, was man Schwaben nachsagt: Tüftler, Schaffer, Bruddler, Denker, Eiferer…

Die Beiden beherrschen die Kunst des aneinander Vorbeiredens. Sie ist komisches und tragisches Moment zugleich. Denn Hans und Albert hören sich nicht zu, sind zu sehr in sich gefangen. Der Jüngere ist der Heißsporn, der den Blick nach vorn gerichtet hat, aber schon auch mal zum Zorniggel wird, wenn ihm die Arbeit nicht gelingt. Albert ist der Gemütliche, der Nachdenkliche mit Hang zur Melancholie. Er hadert mit seiner eigenen Biografie, die zögerlich ans Tageslicht dringt.

Franz Xaver Ott spielt in seiner ›Tüftlersonate‹ (so der Untertitel des Stücks) mit Mentalitätsklischees, verzichtet jedoch auf Überzeichnung. Pointierte Schärfe erhalten seine Figuren durch das große Repertoire an schwäbischen Urlauten und Phrasen, die in ihrem jeweiligen Kontext zum Teil dadaistisch anmuten. So entsteht eine Art von Humor, die alles andere als vordergründig ist. Das Wissen um die Eigenheiten von Land und Leuten und die Fähigkeit, Ton und Dialekt richtig zu interpretieren, sind zwingende Voraussetzungen, um die satirische Tiefe des Stücks zu erfassen.

Sein und Schein wechseln beständig, sind nicht offensichtlich getrennt: Grobheiten werden zur Sympathiebekundung, Fremdenfeindlichkeit erweist sich als Hass auf Nagetiere, altes Liedgut mutiert zum Szenenschnitt. Michalski und Ohngemach geben den Figuren nachvollziehbare schwäbische Authentizität und versetzen die Zuschauer durch präzises Spiel in die Stimmungslagen der Protagonisten. Von grenzenlos heiter bis tiefgründig-melancholisch ist alles dabei.«

Ole Detlefsen
Ludwigsburger Kreiszeitung | 26.2.2012

Gehörige Portion Sarkasmus

»In siebzehn Szenen hat Ott dem Schwäbischen und den Schwaben nachgespürt. Am Beispiel von Hans (Marcus Michalski) und Albert (Reinhold Ohngemach), in deren Tüftlerwerkstatt diese Szenen spielen. Nicht nur den beiden Personen folgt das Stück, sondern auch der schwäbischen Sprache…

Exakt arbeiten die beiden die Intuition heraus, das Stück in der Schwebe zu halten zwischen Klischees, die reichlich bedient werden und der Hinterfragung eben dieser, mit einer gehörigen Portion Sarkasmus. Die beiden sind Weltverbesserer und Bewahrer, technische Tüftler, die verbissen an ihrer Höllenmaschine arbeiten und ihre Vorurteile pflegen. Vor allem können das Michalski und Ohngemach auch umsetzen und zeigen. Eines ist klar: So schwätzet se, die Schwaben. Abersend se au so?

Diese Aufführung schafft es, gleichzeitig zu behaupten, zu bestätigen und zu widerlegen. Die Widersprüchlichkeit des schwäbischen Wesens wird auf unterhaltsamste Weise sichtbar. Die Verbindung von Sprache und Charakter scheint hell auf, wird gleichzeitig hinterfragt und relativiert. Denn passte eben noch die Derbheit der Sprache zu dem, was die beiden so treiben, kommt dann wieder eine Melancholie ins Spiel, die in krassem Gegensatz zu diesem polterndem Idiom steht. Und hinterhergehinkt, ganz leise, kommt manchmal auch – fast schon nicht mehr beachtet –, dann auch die Zartheit dieser Art, sich auszudrücken. Sie hat zum Inhalt, dass der Schwabe sich öfters mal schwertut, seine Gefühle zu zeigen.

Siebzehn Szenen, die es schaffen, den Schwaben als solchen zu verstehen, die ihn nie denunzieren, aber doch auch kritische Blicke auf seine Welt werfen.«

Arnim Bauer