Ultima Ratio – Ein Kirchenasyl-Fall in Neukölln als Live Graphic Novel (Gastspiel)

Heimathafen Neukölln, Berlin

In deutscher Sprache
Regie Nicole Oder
Idee Lucia Jay von Seldeneck
Kostüme Anna Lechner
Darsteller Robe Colorspot 700 E AT und A | Tanya Erartsin | Inka Löwendorf | Bente Theuvsen
Bühnenbild/Dramaturgie Julia von Schacky
Dauer 1 Stunde 15 Minuten

Die Berliner Truppe um die Regisseurin Nicole Oder zeigt einen Theaterabend, wie man ihn selten sieht: Das Fundament schrieb die harte, bundesdeutsche Realität, die interdisziplinäre Umsetzung hingegen ist Poesie pur und verblüffende Momente sind garantiert …

Zur Faktenbasis von „Ultima Ratio“: Die Abschiebung von Aliyah und ihrem Mann Rooble wird am 04. März 2014 angeordnet, die dagegen eingereichte Klage am 02. April 2014 abgewiesen. Der Grund: Dublin III. Der Rechtsanwalt hält alle juristischen Möglichkeiten für erschöpft, um die Abschiebung nach Italien zu verhindern. Die Flugtickets sind für den 05. Mai 2014 gebucht. Doch Aliyah ist am Ende ihrer Kräfte: Die Flucht aus Somalia. Durch die Sahara. Lampedusa. Obdachlos und vollkommen schutzlos war sie auf den Straßen Catanias Gewalt und Misshandlung ausgesetzt. Das kann sie nicht noch einmal ertragen.

„Wir haben uns entschieden und nehmen [die Flüchtlinge] am Donnerstag auf.“
(Rundmail der Kirchengemeinde St. Christophorus am 30. April 2014)

Die Gemeinde stellt sich mit dem Kirchenasyl gegen die Anordnung der Behörden, gegen die pauschale Abfertigung von Flüchtlingsschicksalen, gegen die Missstände der europäischen Asylpolitik – und kämpft dafür, dass die Geschichte von Aliyah angehört wird.

Das Kirchenasyl von Aliyah und Rooble, deren Namen von den Künstlern zu ihrem Schutz geändert wurde, fand in unmittelbarer Nähe des Heimathafen am Reuterplatz statt. Der Staat musste sein Urteil inzwischen revidieren – und ihr Asylgesuch in Deutschland anhören. Aber das Ehepaar ist nur ein Fall von tausend anderen – Es sind Menschen, die vor Verfolgung und Krieg aus ihren Heimatländern fliehen müssen und bei uns Schutz suchen.

„Wie geht man mit echtem Leben um, das von Gewalt und Demütigungen gezeichnet ist? Und wie will man verhindern, dass eine Nacherzählung auf der Bühne weder sensationsheischend noch verklärend wirkt …? Mit klug eingesetzten ästhetischen Mitteln wird von Aliyah und Rooble berichtet, einem Ehepaar aus Somalia, das in Italien unter Schlägen das erste, noch ungeborene Kind verliert, in Dänemark bei einem Schock das zweite und aus den kühlen Mechanismen der deutschen Abschiebungsbürokratie nur durch das beherzte Eingreifen der Kirchengemeine in Berlin-Neukölln gerettet wird. Erst führt der echte Rooble in die Geschichte ein. Dann übernimmt die Performerin Tanya Erartsin und erzählt aus der Perspektive der Frau weiter … Herz und Sinne werden anmutig angerührt durch Projektionsbilder, die die famose Zeichnerin Bente Theuvsen live am Polylux anfertigt. Oft verschmelzen gemalte Szenerie und Bühnenaktion miteinander … Durch die Verwandlung in eine Graphic Novel wird die Geschichte von Aliyah und Rooble leichter erträglich, ohne jedoch süßlich zu werden. Ein guter Abend zu einem Thema, das uns alle immer mehr beschäftigen wird.“
(Tom Mustroph, Der Tagesspiegel/Berlin)