Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück

von Gotthold Ephraim Lessing |
Regie: Christine Gnann

Der Siebenjährige Krieg ist zu Ende, Sachsen von Preußen geschlagen. Minna von Barnhelm, ein sächsisches Edelfräulein, gescheit und emanzipiert, sieht das Glück ihres Lebens in höchster Gefahr. Denn ihr geliebter Major von Tellheim, Offizier im Dienst Preußens, beging im Auge des Dienstherrn Unverzeihliches: Er zeigte Milde und Großherzigkeit gegenüber den sächsischen Feinden. Prompt gerät er unter Bestechungsverdacht. Unehrenhaft entlassen, seiner Privilegien verlustig und leidend an den Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung will er untertauchen, denn seine verlorene Ehre lässt keine Heirat zu. Doch da hat er die Rechnung ohne seine Liebste gemacht – Minna will ihn immer noch und jetzt erst recht … Gotthold Ephraim Lessings Komödie handelt von Frauenliebe und Männerehre, von Liebe und ihrer Gefährdung in einer vom Krieg zerstörten, vom Geld regierten Welt, mit einer erstaunlich selbstbewussten Frau im Mittelpunkt.

Premiere am 27. Januar 2010.

Kritiken

KULTUR | 11.2.2010

Kurzweilig und spannungsreich

Am Spiel der beiden Hauptfiguren, die von der Regie immer wieder spannungsreich im Raum positioniert werden, zeigt sich die Klasse der Inszenierung. […]

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Markus Dippold
Esslinger Zeitung | 31.1.2010

Eine Komödie auf der Kippe

»So richtig lustig war Lessings Lustspiel nie, die Geschichte vom verletzten und vermeintlich entehrten Kriegsheimkehrer Major von Tellheim, dessen Braut ihn erst überzeugen muss, dass er ihrer Liebe noch wert ist. Das bewerkstelligt jene Minna, eine für das Jahr 1767 ungewöhnlich selbstständige, starke Frau, durch ein so raffiniertes Spiel mit den Grundsätzen und Gefühlen ihres Verlobten, dass die Komödie immer ein wenig auf der Kippe zum Seelendrama steht – den entscheidenden Schubs gibt ihr nun Christine Gnann in ihrer Inszenierung in der Stuttgarter tri-bühne.

Von ein paar Nebenpersonen befreit und um einige Szenen gekürzt, auf pausenlose zwei Stunden verdichtet, spielt Lessings Stück in einer nüchternen Nachkriegswelt unserer Gegenwart. Genau wie die Entstehungszeit des Textes erscheint auch die militärische Vergangenheit seiner Protagonisten nur in winzigen Zitaten in den Kostümen von Renata Balogh… Die brusthohe, bühnenbreite Mauer, die Karin von Kries als einziges Bühnenbild um sich selbst rotieren lässt, bietet eine harte Holzbank und auf der anderen Seite ein rotes Brokatsofa, sie dient als Versteck, zum Balancieren oder um jemand damit brutal in die Ecke zu treiben…

Alle haben sich irgendwie arrangiert, nur Tellheim hält noch an den edlen Grundsätzen der Ehre fest. In Hosen und High Heels trifft eine moderne, kluge Frau (Anuschka Herbst spielt ihre Minna direkt, aufrecht und selbstbewusst) auf einen geschwächten Mann mit hoher, zu hoher Moral. So groß die Liebe war…, so raffiniert, ja zunehmend unheimlich ist nun das Spiel, das Minna mit ihrem Verlobten treibt. Sicher und ganz ohne Selbstmitleid ruht Tellheim zunächst in seiner Entschlossenheit, er ist der Welt bereits abhanden gekommen. Erst Minnas Werben bringt ihn aus dem Konzept und macht ihn durch die Erinnerung an früher unglücklich…

Minnas Verstellung bringt seine letzte Gewissheit ins Wanken und legt sein Kriegstrauma frei. Tellheim ist in seinem Innersten so stark beschädigt, dass er das liebevoll gemeinte Lügenspiel nicht mehr aushält… Dass die Inszenierung dem Lustspiel das Happy End verweigert, wirkt statt überraschend fast schon konsequent, so still und subtil hatte der beeindruckende Marcus Michalski das innere Dilemma des Majors, seinen verlorenen Seelenfrieden vor uns aufgeblättert. Lessing glaubte noch an die Utopie der Aufklärung und an den Sieg der Ethik; wir wissen es nach vielen, vielen Kriegen heute besser.«

Angela Reinhardt
Stuttgarter Nachrichten | 29.1.2010

Konzentriertes Spiel

»Christine Gnann konzentriert Gotthold Ephraim Lessings Lustspiel ›Minna von Barnhelm‹ im Stuttgarter Theater tri-bühne ganz auf einen Raum: Eine gestreckte Sitzbank, die gedreht werden kann, ist das einzige Requisit, die Aufmerksamkeit gehört somit… ganz den Schauspielern. Und da kommt Anuschka Herbst in der Titelrolle an erster Stelle. Herrlich jung spielt sie eine Minna, die ganz in der Liebe zu ihrem Major aufgeht… Würde man nicht wissen, dass sie an späterer Stelle des Stücks noch andere Tricks auf Lager hat, würde so viel selbstlose Hingabe heute unerträglich wirken. Marcus Michalski als Major von Tellheim hat da einen schwereren Stand. Er ist ein Ehrenmann, sicherlich, aber einer, der sich in einem schweren Konflikt befindet, der sich und seine Begierden erfolgreich verleugnet. In diesem konzentrierten Spiel zählt jede mimische Kleinigkeit, und da macht er seine Sache sehr gut. Sprachlich hat sich Gnann für einen moderaten Lessing-Ton entschieden. So bleibt die Distanz zu einem Konflikt bewahrt, der heute anders aussehen würde. Und zugleich rückt dieser nicht in allzu historische Ferne.«

Armin Friedl
Stuttgarter Zeitung | 28.1.2010

Minna von Barnhelm: Umwerfend modern

Lessings 1767 uraufgeführtes Stück ist immer wieder umwerfend modern… Anuschka Herbst spielt das Fräulein sehr einleuchtend als ganz heutige Figur… […]

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Cord Beintmann
Ludwigsburger Kreiszeitung | 28.1.2010

Zeitgemäß

»Christine Gnann und ihr Ensemble stellen eine zeitgemäße Inszenierung vor, die den Kern von Lessings «Minna von Barnhelm" gut herausarbeitet. Die ohnehin schon im Original angelegte Dichte der Handlung, ihre Zielstrebigkeit wird dabei noch stärker betont." […]

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Arnim Bauer