Kasimir und Karoline

Ein Volksstück mit Musik
von Ödön von Hórvath |
Regie: László Bagossy

Eine Ballade über die Liebe in ökonomisch rauer Zeit, »von stiller Trauer, gemildert von Humor« – so Ödön von Horváth.

Das Oktoberfest, ein symbolträchtiger Ort diffuser Sehnsüchte und Träume. Ein Ort, an dem Menschen aus allen Gesellschaftsschichten zusammenkommen, um sich zu amüsieren. Das Amüsement ist dem kürzlich »abgebauten« Kasimir auf Grund seiner Entlassung allerdings gründlich vergangen. Erlebnishungrig jedoch ist seine Karoline, und so bleiben Zwistigkeiten zwischen dem Liebespaar nicht aus, zumal die erotischen Verlockungen für die beiden zahlreich sind.

Wohin die Beziehungsreise von Kasimir und Karoline geht, sei hier nicht verraten, vielleicht soviel: sie hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit einer Achterbahnfahrt…

Premiere am 5. Juli 2008.
Die Aufführungsrechte liegen beim Thomas Sessler Verlag, Wien. Musik: Hans Gál / Mathias Spohr.

Kritiken

Stuttgarter Zeitung | 7.7.2008

Zum Staunen schöne Bilder

»Der ungarische Regisseur László Bagossy hat aus Horváths Kleinbürger-Rummelplatz-Geschichte einen schlanken und scharfen Szenensprint gemacht. Ein Pianist (Dietrich Lutz) sagt dem Publikum Nummer und Schausplatz der Szene an, es öffnet sich vorm Publikum der rote Vorhang eines schmalen Guckkastens, ungefähr im Format eines Kasperletheaters oder eines 16:4-Flachbildschirms, die Szene nimmt ihren jeweiligen Verlauf, der Vorhang geht wieder zu… Die Effekte, die sich daraus ergeben, sind ganz erstaunlich. Wir sehen Bildausschnitte einer Welt, die uns fremd und nah zugleich ist…

Der Regisseur Bagossy zeigt es leicht und locker, mal ironisch überspitzt, mal grotesk überzeichnet, mal im Tonfall der Komödie, mal mit dem Zungenschlag des Melodrams. Manches Bild ist zum Staunen schön. Und gleich das nächste wieder erschreckend bitter…

Dass das über weite Strecken so gut funktioniert, liegt in erster Linie an einem vorzüglichen Ensemble. Anuschka Herbst und Marcus Michalski spielen wunderbar dicht und genau… Beeindruckend auch der brutalöse André Scioblowski als Gauner Franz, Julianna Herzberg als dessen geschunden-erzengelhafte Freundin Erna, Robert Kerbler als oberflächlich grundguter Zuschneider Schürzinger; und ein Bühnenereignis an und für sich die schmierig-brünstig-deutschnationale Herrenpartie aus Cornelius Nieden und Max Rossmer als Speer und Rauch…

Das Publikum in der tri-bühne applaudiert zum Schluss mit Verve den beeindruckenden Schauspielern…«

Tim Schleider
Esslinger Zeitung | 8.7.2008

Spiel mit Machtebenen

»Ausschnitte aus seltsam fernen und doch ganz bekannt erscheinenden Menschenleben sind es, die das Publikum gezeigt bekommt. Bilder, die anrühren, dann wieder abstoßen, weil das Gezeigte so hart ist und so bitter. So real.

Buchstäblich Stückwerk ist auch das, was man bisweilen von den Personen sieht: Mal erblickt man nur die Köpfe, dann nur die Beine oder Arme der Protagonisten. Diese Personenausschnitte erscheinen auf einer Ebene, dann wieder versetzt zueinander. Ein Spiel mit Machtebenen, das die Abhängigkeiten der Personen untereinander aufzeigt. ›Zukunft ist eine Beziehungsfrage‹, so benennt denn auch ein weiterer Oktoberfestbesucher, der Kommerzienrat Rauch (Max Rossmer), den roten Faden des Stücks…«

Karin Kontny
Ludwigsburger Kreiszeitung | 7.7.2008

Unkonventionelle und originelle Lösung

»Auf dem Oktoberfest spielt Ödön von Horváths sozialkritisches Stück ›Kasimir und Karoline‹, nach der Weltwirtschaftskrise 1929. Allein der Ort ist für ein relativ kleines Theater wie die tri-bühne ein Wagnis. Der ungarische Gastregisseur Laszlo Bagossy hat zusammen mit seinem Bruder Levente (Bühnenbild) eine unkonventionelle und originelle Lösung gefunden. Bagossy lässt das Stück aus einem relativ kleinen Guckkasten heraus spielen, der nur den Blick auf die Akteure freigibt. Nach jeder Szene schließt sich der Vorhang…

Bagossy zerhackt zunächst einmal die Handlung… Aber je länger das Stück um den freigesetzten Chauffeur Kasimir und seine nach Höherem strebenden Braut Karoline fortschreitet, desto besser findet man sich in diese Art der Aufführung hinein…

Hier wird mittels dieser Konstellation sehr positiv Theater gemacht. Nicht nur, dass dieser Guckkasten auch als Parodie auf einen Fernsehapparat sein könnte, sondern vor allem der Zugriff auf den Text wird auf diese Art wesentlich prägnanter. Horvaths kluge Sätze wirken so noch besser – und das Überraschendste und Bemerkenswerteste dabei ist, dass trotz der oft nur sehr kurzen Szenen die Figuren ein klares Profil gewinnen….

Da sind die Karoline von Anuschka Herbst, ein nettes Bürgertöchterchen, dem die Zuneigung des fetten Kommerzienrates Rauch (Klasse: Max Rossmer) zu Kopfe steigt, da ist der Kleinkriminelle Merkl Franz (André Scioblowski) und seine Verlobte Erna (Julianna Herzberg) – alles Figuren, die prächtig gelungen sind!…«

Arnim Bauer