Hase Hase

Eine "revolutionäre" Komödie
von Coline Serreau |
Regie: Alejandro Quintana

Eine im wahrsten Sinn wunderbare Farce der französischen Regisseurin und Dramatikerin Coline Serreau:

Hase Hase, der jüngste Spross einer Prekariatsfamilie, behauptet, dass es die Außerirdischen waren, die ihn in den Schoß der Familie Hase praktiziert hätten, einer besonderen Mission wegen.

Mutter Hase hat derweil ganz irdische Sorgen: Hase Hase fliegt wegen Phantastereien vom Gymnasium, Vater Hase von der Arbeitsstelle. Der Erstgeborene wird von der Polizei gejagt, ebenso der zweite. Die eine Tochter will sich scheiden lassen, die andere sagt gleich auf dem Standesamt »Nein«.

Eine Enttäuschung reiht sich an die nächste. Und dann gibt es auch noch einen Staatsstreich des Militärs, weil »die ehrlosen, barbarischen Länder« einfach ihre Schulden nicht bezahlen.

Dass dann doch alles einen wohlverdient guten Verlauf sowohl für die Familie Hase wie für das ganze Land nimmt, ist einem über- oder besser außerirdischen Wunder zu verdanken…

Kritiken

Stuttgarter Zeitung | 1.5.2016

Irrwitzige Komödie

In ihrer irrwitzigen Komödie ›Hase Hase‹ schickt die Autorin Coline Serreau einen Außerirdischen in die französische Großfamilie Hase, die in ziemlich prekären Verhältnissen lebt. Kein Geld, keine Arbeit, aber eine Mutter, die mit Kommunikationstalent und Herzenswärme den Laden zusammenhält. Der Alien gibt sich nur dem Publikum als solcher zu erkennen. Im Familienverband ist Hase einfach nur das Nesthäkchen der Familie, von der Mutter geliebt, die weiß, ›dass ihn der Himmel geschickt hat.‹…

Jetzt hat Edith Koerber, die Intendantin der tri-bühne diese von Pointen und Rätseln durchsetzte Farce wieder auf den Spielplan gebracht und spielt darin die Hauptrolle: Mama Hase, die Mutter, die eigentlich schon längst einen Nervenzusammenbruch erlitten haben müsste und doch immer weiter macht…

Und es kommt noch schlimmer: Die Revolution bricht aus, das Militär übernimmt die Macht. Folterknechte setzen den Hases zu. Das Lachen könnte einem jetzt im Halse stecken bleiben – aber der Irrwitz der Familie und Alien Hase übernehmen wieder das Kommando. Susan Ihlenfeld spielt diesen kindlichen Alien; sie macht das so quecksilbrig wie großartig. Die Pointen lassen auch im Verhörkeller nicht nach, die Soldaten verwandeln sich am Ende in tanzende Frauen. Starker Tobak, das Ganze unter der Regie von Alejandro Quintana.

Egal, ob man mit dem Textmix aus Familienhymne und Science Fiction etwas anfangen kann oder nicht: Den Schauspielern bei der Arbeit zuzusehen macht jedenfalls Freude. Edith Koerber spielt diese Mutter Courage im chaotischen Familienverband mit großer Energie und trockenem Witz. Und auch die leisen Töne kommen an, wenn sie ihr Herz dem Publikum ausschüttet, klagt, dass sie manchmal auch gern einmal bemuttert werden würde. Wen das nicht rührt, der hat kein Herz.

Dorothee Schöpfer
Ludwigsburger Kreiszeitung | 30.4.2016

Knallharte Gesellschaftssatire unter dem Deckmantel des leichten Vergnügens

Chaos im Land, Chaos in der Familie, Chaos auch in der Geschichte und Chaos auch auf der Bühne. Denn das Stück ist eine Art modernes Märchen, allerdings mit ernstem Hintergrund. Und wie inszeniert Alejandro Quintana dieses mal lustige, mal tiefgehende, mal aber auch mit obsoleten Elementen durchsetzte Chaos? Quintana begeht fast so etwas wie einen Tabubruch im ernsthaften Theater. Ohne Scheu nimmt er Anleihen aus dem Volkstheater auf, geht mit seinem Stil ganz auf Elemente der Heimat- und Bauernbühne ein. Dies wirkt manchmal komisch, ergibt an anderer Stelle eine Art Zerrbild. Die Kontraste sind wunderbar herausgearbeitet. Und unter dem Deckmantel des Harmlosen, dem leicht wirkenden Vergnügen für die Zuschauer kommt knallharte Gesellschaftssatire hervor, Tiefgang in der Thematik des Lebens in einem totalitären Staat. Und zum Schluss hebt das Stück völlig ab, sehr ernste Vorgänge werden als Witz und Märchen aufgelöst, das Happy End darf natürlich in einer Volkskomödie nicht fehlen. In dieser Farce der Dramatikerin Coline Serreau sind die meisten Figuren eindimensional und funktional gezeichnet. Nur Mutter Hase zeigt sich als mehrschichtiges Wesen, gespielt von tri-bühne Intendantin Edith Koerber, die dann auch den erforderlichen Ton in allen Lagen und Szenen trifft. Sie hält das Stück schauspielerisch über Wasser…

Weniger mehrschichtig als mehrdimensional erweist sich Hase Hase, gespielt von Susan Ihlenfeld, der für die fantastische und fantasiereiche Auflösung der hoffnungslos erscheinenden Situation sorgt, und so die befreite Freude beim Zuschauer auslöst. Quintanas Inszenierung kann so auch als heftiges Augenzwinkern gegenüber der eigenen Arbeit gesehen werden.

Arnim Bauer