Fernweh

Eine theatrale Expedition unter der Fremdenführung der Gebrüder Grimm
von Kriszta Székely und Ármin Szabó-Székely |
Regie: Kriszta Székely

Eine Gruppenreise zu Lande und zu Wasser, ins Außen und ins Innen, mit individuellen und kollektiven Sehenswürdigkeiten, im tiefen Wald der uns umgebenden Probleme. An der Fremdenführung beteiligt sind, neben den Gebrüdern Grimm, unter anderen auch Meister der dramatischen Literatur von Shakespeare bis Google…

So beschreiben Kriszta Székely und Ármin Szabó-Székely ihren collagenartigen Abend, mit viel (live) Musik und einem guten Sinn für humoristische Überhöhung. Ausgangs- und Assoziationsbasis sind fünf Märchen der Gebrüder Grimm. Diese führen zu Geschichten, Szenen und aktuellen Geschehnissen über Rollenbilder, Liebe, Unterdrückung, Opfer und Jäger oder die Wehmut nach der Ferne.

Kriszta Székely beendete 2015 ihre Regieausbildung an der Budapester Schauspielakademie und ist seitdem festes Mitglied im Regieteam des Katona József Theater, Budapest.

Kritiken

Esslinger Zeitung | 8.3.2016

Turbulent-launige Episodentour

Hanifchen und Garanlein haben es geschafft. Sie sind das Dreamteam der gelungenen Integration. Auf dem Video schwappen zwar bedrohlich-graue Wellenbögen hinter dem Schriftzug ›Ich will hinüber‹. Doch weil die beiden Märchenfiguren sind, packen sie es auch mit einem nur notdürftig gezimmerten Floß ins ›Land der Honigkuchenhäuser‹, wo Frieden herrscht. So glauben die beiden, ehe sie einen tieferen Einblick haben ins Innere dieser Gesellschaft, deren Teile bedenklich nach rechts rücken.

›Hänsel und Gretel‹ ist eines von fünf Märchen der Gebrüder Grimm, die der Theaterexpedition ›Fernweh‹ von Kriszta Székely und Ármin Szabó-Székely als Schlüssel für aktuelle Themen dienen. Die turbulent-launige Episodentour mit viel live-Musik von Hausmusiker Sebastian Huber, mit Tanz, Witz, Videoprojektionen, literarischen Versatzstücken von Schiller bis Shakespeare und Google-Textmaterial wurde jetzt an der Stuttgarter tri-bühne uraufgeführt.

Das revuehafte Format verspricht einen kurzweiligen Abend, zu dessen Gelingen Natascha Beniashvili-Zed, Natascha Kuch, Sofie Alice Miller, Melchior Morger, Manoel Vinicius Tavares da Silva und Christian Werner spielend, singend und tanzend beitragen. Die Märchen sind adaptiert als Quiz, Casting- und Realityshow.

Petra Bail
Ludwigsburger Kreiszeitung | 7.3.2016

Interessant, unterhaltsam, dicht, witzig

Diese revueartige Collage ist in jedem Falle kurzweilig. Ungemein lebhaft werden die Szenen präsentiert, die sich um fünf Märchen der Gebrüder Grimm ranken. Von Rotkäppchen, Dornröschen, von dem Machandelboom, von Rapunzel und Hänsel und Gretel müssen als Aufhänger für die manchmal lustigen, manchmal skurrilen, plötzlich auch ernsten Elemente dieser musikalisch verzierten Revue herhalten.

Darum herum haben die beiden Autoren aber ganz andere Themen aufgerufen. Da geht es um Kindesmissbrauch und Frauenfragen, um Eltern-Kind-Beziehungen und so manches andere, was gerne ins märchenhaft abgleitet und dabei aber den Ernst so mancher Lage aufzeigt. Locker, nett und lustig, das heißt auch manchmal sarkastisch, satirisch und ironisch… ›Fernweh‹ bedeutet hier, auf die Reise zu gehen, in die alten Mären, in die Geschichten, in sich selbst. Das ist der nachdenkliche Aspekt im fröhlich-singenden Ambiente. Und es ist wie auf Reisen: Je näher man hinschaut, desto weniger stimmen Klischees.

Eine anspruchsvolle Aufgabe für die sechs Schauspieler und den Musiker Sebastian Huber. Der sehr offensive, muntere, manchmal etwas zu schrille Inszenierungsstil der ungarischen Regisseurin Kriszta Szekély und die schnell wechselnden Szenen und Figuren fordern die volle Konzentration. Die sehr unterschiedlich ihre Aufgaben angehenden Darstellerinnen und Darsteller tragen alle ihren Teil zu einer guten Ensembleleitung bei, die der Inszenierung gerecht wird, ihr das Belebende auch zu geben weiß. So wird dies zu einem abwechslungsreichen, befriedigenden Abend. Interessant die Herangehensweise, unterhaltsam der Text und die Musik, dicht das Geschehen, abwechslungsreich die Darstellung, der Abend ist witzig, leger und insgesamt gelungen.

Arnim Bauer
Stuttgarter Nachrichten | 6.3.2016

Ungemein spielfreudige Truppe

Wie sehen Märchen im Medienzeitalter der Gegenwart aus? Dieser Frage gehen die ungarischen Theatermacher Kriszta Székely und Ármin Szabó-Székely in ’Fernweh" nach… Die augenfälligste Antwort: Die Figuren sind verkabelt und treten mit Headsets in der Szenerie eines Fernsehstudios auf. Dargeboten wird nichts unmittelbar, sondern was sich kamera- und mikrotauglich ausschlachten lässt: Sex, Crime und (statt Rock’n’Roll) so manch übermütige Tanz-, Slapstick- und Disco-Nummer.

Wer in dieser sensationslüsternen Medienwelt Rotkäppchen-Motive finden will, muss doppelt um die Ecke denken. Dann scheint aus den bei einer Talkshow erzählten Erinnerungen zweier ehemaliger Schülerinnen und ihres attraktiven Deutschlehrers plötzlich der schmale Pfad der Tugend auf, von dem auch die Märchenfigur abkommt…

Dank der ungemein spielfreudigen Truppe, die mit dem Körper so anschaulich erzählt wie mit Mimik und Zunge, ist das assoziationsreiche Changieren zwischen alter Märchen- und neuer Medienwelt ein abwechslungsreiches Vergnügen, das aktuelle Themen in einem anderen Licht erscheinen lässt. Dass in ›Hänsel und Gretel‹ das Drama von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen auf dem Weg in ein Leben ohne Hunger und Krieg stecken kann, ist klug weitergedacht.

Julia Lutzeyer
Stuttgarter Zeitung | 6.3.2016

Satirisch-parodistisch

Die Welt ist schlecht. Lehrer verführen ihre Schülerinnen, ein Zahnarzt aus Minnesota tötet in Simbabwe hinterhältig einen Löwen, und zwischen Kuba und Florida bedrohen Haie und giftige Quallen verwegene Schwimmer. Was zählt gegenüber so viel Ungemach ein putziger Märchenwolf, der eine Großmutter auffrisst? Die tri-bühne hat wieder einmal ihre guten Beziehungen zu Ungarn genützt und Kriszta Székely und Ármin Szabó-Székely vom Katona József Theater eingeladen, unter dem Titel ›Fernweh‹ eine Revue in losem Zusammenhang mit Märchen der Gebrüder Grimm zu schreiben und zu inszenieren…

Bezugspunkt für satirisch oder parodistisch gemeinte Szenen ist längst nicht mehr die Lebenserfahrung, sondern deren trivialisierte Sekundärrepräsentation in den Medien. Und so bedient sich auch ›Fernweh‹ formal der Muster, welche die TV-Unterhaltung bereitstellt: des Verhörs, des Wettkampfs, der Show. Auch der Humor dieses Theaterabends scheint sich das Fernsehen zum Vorbild genommen zu haben…

Thomas Rothschild