Ein Winter unterm Tisch

von Roland Topor |
Regie: Alejandro Quintana

Humor und Absurdität liefert der französische Dramatiker, Schauspieler, Illustrator und Bühnenbildner Roland Topor in seinem Stück reichlich:

Schuster und Flüchtling Dragomir erhält bei der Übersetzerin Florence gnädiges Asyl – unter ihrem Tisch! Dort richtet er sich häuslich ein, geht fleißig seinem erlernten Beruf nach und gibt immer wieder Übersetzungstipps nach oben. In der ungewöhnlichen Wohngemeinschaft entspinnt sich mit der Zeit gar eine zarte wie erotische Liebesbeziehung zwischen den beiden (Dragomirs Unterkunft zu Füßen der schönen Übersetzerin lässt mitunter auch besondere Einblicke zu). Alles scheint solange gut, bis Raymonde, eine Freundin von Florence, und Marc Thyl, ihr Verleger und Verehrer, in dem Asylanten eine Konkurrenz und eine Bedrohung sehen…

Wie ein fein gesponnenes, schräges und dabei poetisches Märchen kommt »Ein Winter unterm Tisch« daher und doch hat es, im Zeitalter von wachsenden Flüchtlingsströmen, Wohlstandsbarrieren und beinahe wöchentlich auf dem Mittelmeer und anderswo stattfindenden Tragödien, einen bitterernsten Hintergrund. Roland Topor: »Wenn die illegalen Einwanderer wie Untermenschen behandelt werden, ist es doch normal, wenn sie unter den Tischen leben.«

Kritiken

Ludwigsburger Kreiszeitung | 3.5.2015

Ein echtes Kleinod

Ein echtes, sehenswertes Kleinod hat Alejandro Quintana in der tri-bühne auf die Bühne gebracht… Topor hat hier mit seiner Präferenz für den Surrealismus eine skurrile Kammerkomödie geschaffen, die zeitlos modern scheint, solange es Flüchtlinge auf der Welt gibt und sie ist derzeit wieder höchst aktuell. Alejandro Quintana wiederum ist längst ein Aushängeschild: nicht nur des Heilbronner Theaters, wo er Chefregisseur ist, sondern eben auch an der tri-bühne.

Ihm ist es gelungen, den feinen Ton zu finden, der aus diesem subtil komischen Stück ein echtes Kleinod macht. Fast zärtlich geht er mit dem Stoff und seinen Figuren um, lässt Susan Ihlenfeld und Manoel Vinicius Tavares da Silva in den Hauptrollen sehr feingliedrig agieren und zeigt so neben der eigentlichen Handlung die Gefühlswelt der nur auf den ersten Blick komisch wirkenden Figuren – in sehr starker und sauber gespielter Weise.

So kommen auch die weiteren Personen des Stückes, Dragos geigenspielender Vetter Gritzka (Sebastian Huber) sowie die letztlich als Zerstörer des Idylls auftretende Freundin Raymonde (Natascha Kuch) und Florences Verehrer und Verleger Marc (wunderbar überzeichnend: Severin Gmünder) in ihrer ganzen breit angelegten Charakteristik voll zur Geltung.

Topors Vorlage zeigt alles, was man Flüchtlingen antun kann. Sie zeigt aber auch wie man ihnen eine neue Heimat schaffen kann und sei es ein kleines Plätzchen mit einer Tischplatte über dem Kopf. Sie zeigt, wie Intrige und Egoismus das Idyll auch zerstören können, und liefert eine sehr zärtliche Liebesgeschichte als Zugabe und ein fast märchenhaftes Happy End.

Quintana bringt alles in ein wunderbares Lot. Ein sehenswerter Abend, Theater von der subtilen Sorte: ernst, zeitennah, komisch und anrührend.

Arnim Bauer
Stuttgarter Nachrichten | 3.5.2015

Grandioses Timing

Weiße Wände, weißer Stuhl, weißer Papierkorb. Weiß auch der Tisch. Daruter werkelt der Schuster Dragomir (Manoel Vinicius Tavares da Silva). Florence Michalon (Susan Ihlenfeld) bittet ihn, doch etwas leiser zu arbeiten – die Nachbarn…

Alejandro Quintana inszeniert die Geschichte um die Willkommenskultur im Theater tri-bühne. Ihm gelingt eine dieser leider seltenen Regiearbeiten, die stark anfangen und nicht nachlassen. Das puristische Bühnenbild ergänzen chick anzusehende, vom Beamer geworfene Videosequenzen rieselnder Schneeflocken.

Das Ensemble unterhält dank grandiosem Timing bei fast sämtlichen Pointen. Ihlenfeld überzeugt facettenreich: Sie singt und tanzt, grübelt und lacht, giert nach Trüffelschokolade und gibt sich fasziniert von den Klängen des coolen Straßengeigers Gritzka (Sebastian Huber), der kurzerhand zu seinem Kumpel unter den Tisch zog. Manoel Vinicius Tavares da Silvas lebensfroher Dragomir lechzt nach mehr als den Beinen seiner Vermieterin und macht sich dabei wortwörtlich zum Affen… Höchst amüsant nutzt Ihlenfeld auch ihre Mimik, unterdrückt etwa den Brechreiz, wenn ihr ihr schnöseliger Chef Marc Thyl (Severin Gmünder) Avancen macht.

Neben den drei Verehrern agiert Natascha Kuch als Florence’ versnobte Freundin Raymonde, die mit Vorurteilsphrasen an die unterm Scherz versteckte Botschaft erinnert: Fremd impliziert nicht kriminell oder skrupellos. Diese passt perfekt in Zeiten nie verebbender Flüchtlingswellen und wird in Momenten der Stille akzentuiert, ohne die Komik zu gefährden.

Cornelius W.M. Oettle
Stuttgarter Zeitung | 3.5.2015

Situationskomik trifft auf Slapstick

Die Grundsituation ist so grotesk wie komisch. Wenn Florence etwas von ihrem Untermieter wissen will, klopft sie höflich nicht an seine Tür, sondern auf den Tisch. Dragomir kann in seinem Plattenbau unter der Tischplatte noch nicht mal aufrecht sitzen, manchmal ist sein Bein eingeschlafen, wenn er hervorkriechen will, und oft haut er sich den Kopf an. Situationskomik trifft auf Slapstick, man schaut den beiden gerne zu, wie sie formvollendet in aller Höflichkeit parlieren und sich gezwungenermaßen näher und näher kommen…

Der Zuschauerraum in der tri-bühne fasst 100 Plätze – man ist immer nah dran an den Verrenkungen über und unterm Tisch und kann der großartigen Susan Ihlenfeld, die die Florence spielt, dabei zusehen, wie ihr die Gesichtszüge entgleiten…

Das Leben unter der Tischplatte ist in der tri-bühne unter der Regie von Alejandro Quintana eine schnelle Folge von komischen Szenen, in denen die erotischen Verwicklungen immer weiter voranschreiten. Aus dem einen Untermieter werden zwei, dazu kommt noch die Freundin von Florence, die erst angewidert und dann angezogen ist von den Herren unterm Tisch. Natascha Kuch agiert wunderbar hysterisch und saukomisch. Ein herrliches Paar sind auch Manoel Vinicius Tavares da Silva und Sebastian Huber als Flüchtlinge, die sich wie Affen und Hunde gebärden, um Florence aufzuheitern.

Aber dass sie sich zum Affen machen, ist eben auch die bittere Seite dieser temporeichen Komödie… Das Elend und die Härte blitzt immer wieder kurz auf – wenn etwa Drago zwischen blutverschmierten Wänden liegt und davon träumt, dass ihm die Kehle durchgeschnitten wird…

Dorothee Schöpfer