Der Nesenbachkanal

Der Nesenbachkanal

Ein experimentelles Ensembleprojekt
Regie: Edith Koerber

Planungen, Kalkulationen, Verträge – ordungsgemäß – schon längst feststanden. Der kalte Hauch der Globalisierung wehte plötzlich auch auf der Bühne.

Im Fall der tri-bühne bedeutete es den kompletten Ausfall einer Produktion, die, bei drei in der Spielzeit, im Durchschnitt 26.000 DM kostet. So standen wir plötzlich vor der Aufgabe, eine Produktion auf die Beine zu stellen: a) ohne Bühnenbild, b) ohne Kostüme und c) ohne Autorentantiemen. Also haben wir einen »Fernsehsender« gegründet. Einen, dessen Programm allerdings nur im Theater tri-bühne zu empfangen ist. Empfangen? Mehr noch: das Publikum ist hautnah bei der Entstehung dabei!

»Der Nesenbachkanal« ist ein Produkt des Ensembles. Aus schauspielerischen Improvisationen und Szenen, ergänzt durch Musik und Videotechnik, ist ein Abend entstanden, der formal dem Fernsehen nachempfunden wurde.

Das Wechseln zwischen E wie Ernst und U wie Unterhaltung mach diesen Abend so vertraut wie zu Hause vor dem eigenen Kasten. Wem das Programm zu ernst sein sollte, der hat tatsächlich die Möglichkeit, umzuschalten: So kann auch in der tri-bühne der ganz gewöhnliche Wahnsinn eines Fernsehabends entstehen. Die Themen reichen von Abhängigkeit über Globalisierung und Prüfungsangst bis Zappen. Unverkennbares Stuttgarter Lokalkolorit wechselt in dem kleinen »Fernsehstudio« mit weltläufigen Bezügen ab; der Nesenbachkanal greift die Selbstreflexion des Fixers am Olgaeck ebenso auf wie die Debatten in San Franciso über die Neuordnung der Welt.

Uraufführung am 18. September 1997.

Kritiken

Stuttgarter Nachrichten | 20.9.1997

Ganz schön schräg

»Weit entfernt… von allem was nach schierer Art pour l’Art riecht, zeigt die Truppe zum Saisonstart unterm Tagblatt-Turm, wie man mit Humor und Phantasie den beamteten Sparkommissären eine Nase dreht…

Das Ensemble improvisierte sich zur Karikatur einer Sendeanstalt, deren Programm ausschließlich in der tri-bühne zu empfangen ist. Als Arbeitsprobe für die Bewerbung als Veranstalter des neuen Ballungsraum-Kanals würde das Ergebnis allemal taugen…

Die Darsteller Lale Yanik, Achim Grauer, Wilhelm Schneck und Marcus Michalski ziehen alle reichlich vorhandenen Register. Daß es dabei ganz schön schräg zugeht, muß auch den am Premierenabend reichlich vertretenen Kulturpolitikern gefallen haben…

Wer weiß, vielleicht wird die Verlegenheitslösung für die tri-bühne noch zum Dauerbrenner!«

Hartmut Zeeb
Stuttgarter Zeitung | 20.9.1997

Furios gezappt

»Die ersten Sendungen werden vorbereitet und die Zuschauer im Stuttgarter Theater, Verzeihung, im Studio oder zu Hause vor der Glotze, sind hautnah dabei. Was in der tri-bühne folgt, ist eine flotte Nummernrevue zum Thema deutsche Wirklichkeiten, deren Rhythmus an das Fernsehverhalten angepaßt ist. Vier junge Schauspieler…, ein Kameramann und ein Musiker zappen furios durch Kochstudio, Dokumentation, Volksmusiksendung, Schlagerparade…

Edith Koerber und ihre Schauspieler bringen harte Wirklichkeiten, gesellschaftliche, politische, kulturelle, auf die Bühne, ohne sentimentaler Betroffenheit Raum zu geben…

Und schließlich orientiert man sich am Publikum, denn die Menschen lieben das Fernsehen und das Zappen. Martin Walser, der in der tri-bühne ebenfalls zitiert wird, findet dafür die treffenden Worte: ›Manche Menschen sind derart, daß sie von sich selbst abgelenkt werden müssen.‹ Wer gerne die traurige Wirklichkeit ausblendet, auch die eigene, kommt beim hintergründigen ›Nesenbachkanal‹ nicht auf seine Kosten – andere Zuschauer könnte der Sender durchaus gewinnen.«

Hans-Joachim Graubner