Auf der Galerie

Regie: Edith Koerber
nach Franz Kafka

Zum Inhalt: Franz Kafkas Erzählung »Auf der Galerie« wird als Geburtstagsüberraschung einem Konzernchef präsentiert, der ein feinsinniger Kunst- und Literaturliebhaber ist. Seine Söhne Adam und Christian haben für den Vater den Text mit Musik und Tanz inszeniert.
Das hochästhetische Geschenk soll die Krönung des Geburtstagsfestes werden. Doch im Lauf des Abends stellt sich immer mehr heraus, dass die Söhne diese Feier mit den verschiedensten Mitteln als kafkaeskes Instrument gegen den Vater benutzen.

Franz Kafkas Prosa (neben dem kurzen Text »Auf der Galerie« wurden auch Teile aus »Brief an den Vater« verwendet), Schauspiel, Tanztheater, Gesang, Kammermusik mit Querflöte, Klavier und »Hang« – »Auf der Galerie« verwendet verschiedenste künstlerischer Ausdrucksformen, um mit Ironie die Mechanismen der modernen, globalisierten Marktwirtschaft in Frage zu stellen.

Uraufführung am Freitag, 1. Juli 2011.

Kritiken

Esslinger Zeitung | 13.7.2011

Beziehungsreiche Inszenierung

»Ein rauschendes Fest wird organisiert. Es findet statt in der Stuttgarter tri-bühne. Edith Koerber hat Franz Kafkas kurze Parabel ›Auf der Galerie‹ als Basis genommen für eine sehr heutige Firmenfete, die trotz Lobliedern auf den Big Boss keine Zweifel an der Kritik von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft lässt.

Dabei beleuchtet sie eine Scheinwelt, wie sie Kafka einst durch die Kunstreiterin umrissen hat. Ein Galeriebesucher betrachtet im ersten Teil die Vorführung einer kranken Zirkusartistin, angetrieben von einem erbarmungslosen Chef. Oder ist es eine prächtige Inszenierung, von einem hingebungsvollen Direktor fürsorglich begleitet? Die Frage drängt sich auf: Was ist Wirklichkeit, was reine Fassade? In der tri-bühne werden die Besucher ›verhaftet‹. Sie sind die Belegschaft, die am Ereignis teilhaben darf. Der älteste Sohn Adam, großartig dargestellt von Martin König als jovialer Konvertit vom Lebemann zum Mustersöhnchen, füttert die Festversammlung mit internen Details. Mit albernem Kinderparty-Hütchen auf dem Kopf gibt er den Pausenclown im Zivilisationsdrama. So werden die Zuschauer zu Komplizen wider Willen, sehen sich plötzlich in der Lage des Kafkaschen Galeriebesuchers, genötigt zur Handlung und trotz Erkenntnis starr. Am Ende bleibt die Kapitulation, wenn der Chef nach 70 Minuten das Fest mit den Worten beendet: ›Es reicht.‹

In dieser kurzen Zeit wird ein langer Anklagekatalog aufgefächert. Das Negativ-Ranking führen Raubbau, Kolonialisierung und Ausbeutung der Menschen an, dicht gefolgt von Profitgier, Marktfreiheit, Scheinmoral von Weltkonzernen und gleichgültigem Konsumentenverhalten.

Koerber packt die globale Misere in den Mikrokosmos des Lohmann Konzerns…Folkert Milster verkörpert das arrogante Oberhaupt mit First-Class-Daseinsberechtigung als beziehungslosen Menschen, der seinen eisernen Führungsstil mit scheinbaren Wohltaten zu dekorieren versteht. Die Mitarbeiter auf Kakao-Plantagen an der Elfenbeinküste etwa sind für ihn ›bezahlte Feinde‹, zu deren Wohl er eine Stiftung gründete. Kinderarbeit lehnt er ab. Neun Prozent der Schokoladenproduktion tragen das Fair-Trade-Siegel.

Der Slogan ›Schokolade macht glücklich‹ wirkt grotesk angesichts der Erzählungen des ehemaligen Kindersklaven Niankoro Moriba Fondio. Yahi Nestor Gahe drückt solches Leid in kraftvollen, tänzerischen Bewegungen aus. Er will nun ›unbezahlter Freund‹ sein, wird aber durch die Herablassung des Herrschers im Schoko-Reich auf seine Herkunft zurückgeworfen. Schließlich seien nicht alle Kolonisatoren Diebe und Ausbeuter gewesen, glaubt Lohmann. Es gab auch ›Menschen, die glaubten, Gutes zu tun‹. Man kann ja mal irren…

Am Ende bleibt die Frage: Sind wir Teil der Lösung oder Teil des Problems? Da weiß auch Koerber trotz eindeutiger Haltung keinen Rat. Aber ihr gelang eine beziehungsreiche Inszenierung mit guter Besetzung, viel Musik und Tanz, die ernste Themen kurzweilig beleuchtet.«

Petra Bail
Ludwigsburger Kreiszeitung | 3.7.2011

In bester tri-bühne-Manier

»Was Koerber von Kafka übernimmt, ist die doppelbödige Betrachtung ein und desselben Sujets. Bei Kafka geht es um eine Zirkusreiterin, die von einem fiktiven Erzähler einmal mit einem elenden Hintergrund, das zweite Mal als glamouröse Erscheinung geschildert wird. Betrachtet wird sie von einem Besucher auf der Galerie, der aber nicht identisch ist mit dem Erzähler.

Edith Koerber nimmt diese Parabel, in bester tri-bühne-Manier als Basis für ein politisch motiviertes Stück. In einer Art Prolog weiht Adam Lohmann (Martin König) der Sohn des Konzernchefs Adam die Zuschauer ein, dass sie, quasi als Belegschaftsmitglieder, gleich der Geburtstagsfeier des Firmenlenkers und Patriarchen Maximilian Lohmann (Folkert Milster) beiwohnen werden. Spannend und auch flott entwickelt sich in einem komplexen Geflecht aus persönlichen Beziehungen und realen Gegebenheiten ein doppelbödiges Bild dieses Konzernchefs, vor allem, als Niankoro Moriba Fondio (Yahi Nestor Gahe), ein früherer Mitarbeiter des Konzerns auftritt und über den Raubbau und die Arbeitsbedingungen des Konzerns in seiner ivorischen Heimat berichtet.

Es kommt aber auch ans Tageslicht, wie Patriarch Maximilian seinem jüngeren Sohn im Einverständnis mit dessen Freundin Sophia (Cathrin Zellmer) geholfen hat. Dazu gesteht er problemlos Fehler bei seiner Firmenführung ein, gibt seinen Kritikern zum Teil Recht.

Hier nun trifft sich Koerber mit Kafka. Ziemlich gleichwertig stehen die beiden Bilder nebeneinander. Ist Lohmann nun der Raubtierkapitalist oder der Wohltäter der Menschheit? Koerber lässt keinen Zweifel, wie sie die Dinge sieht. Ihr dient das Stück letztlich zu einer klaren Ansage, zu einer Anklage, die hier künstlerisch kaum verbrämt, aber hübsch verpackt einen ansehnlichen Theaterabend beschert.«

Arnim Bauer
KULTUR | 31.8.2011

Großartig choreografiert

Ist das der Kapitalismus, der seine eigene Demontage finanziert? Solche und ganz andere Fragen gehen uns Schokoladekonsumenten nach der von Yahi Nestor Gahe großartig choreografierten Aufführung durch den Kopf. […]

mehr
Gabriele Hoffmann
Stuttgarter Zeitung | 3.7.2011

Kurzweilig

»Edith Koerber ließ sich in ihrer Inszenierung ›Auf der Galerie‹ von einem kurzen Kafka-Text inspirieren, der vom falschen Glanz des Zirkusbetriebs handelt. Bei ihr wird daraus eine Anklage des Leids, das der gobale Freihandel produziert, von dem aber der Konsument nichts wissen will. Das ist eine ziemlich gewagte, moralisierende Kafka-Interpretation – und trotzdem kurzweilig anzuschauen.«

had
Stuttgarter Nachrichten | 3.7.2011

Engagiert

»Der Firmenpatriarch hat Geburtstag. Doch bevor es zur Feier kommt, hält der ältere Sohn erst einmal einen längeren Monolog, in dem er ausgiebig sein bisheriges Lotterleben beschreibt, das er ausschließlich auf Kosten seines Vaters finanziert hat, ohne diesem den entsprechenden Dank zu erweisen. Doch jetzt mit der Organisation dieser Feier will er zumindest etwas wieder davon gutmachen. Martin König spielt diesen Adam Lohmann so vollmundig und schleimig, dass klar ist, dass hier das Gegenteil von Feiern herauskommen soll…

Dann tritt der Tänzer Yahi Nestor Gahe von der Elfenbeinküste auf, zunächst als Clown, dann mit faszinierend raumgreifenden Bewegungen. Tänzerisch erzählt er die Geschichte der Einwohner seines Landes, die entbehrungsreich Kakaobohnen pflücken, damit andere sich an der Schokolade erfreuen können, während seine Landsleute in bitterer Armut leben. Ein Thema ist gefunden: Wer finanziert diesen Handel, wer profitiert davon. Ganz engagiert verhandeln die Akteure aktuelle Witschaftsthemen, ziehen Vergleiche zum Kolonialismus, fordern die Abschaffung der Börse für landwirtschaftliche Produkte…«

Armin Friedl