Antigone

von Sophokles |
Regie: Edith Koerber

Unsere »Antigone« des Sophokles ist ein Ausflug in die Zukunft. Freilich nicht sehr weit. Das Stück spielt in einer Zeit, in der die Ökonomisierung des Staates abgeschlossen ist. Staat und Wirtschaft sind in Theben eins, die marktkonforme Diktatur hat die marktkonforme Demokratie überwunden. Globale Konzerne bestimmen die Geschicke der Menschheit, mit besonderem Augenmerk auf das Wohl der Aktionäre.

»Griechenland ist nur ein weiteres Schlachtfeld für den Krieg der Finanzelite gegen die Demokratie«, schreibt der Kolumnist George Monbiot im »Guardian«.

In unserer Antigone-Fassung hat die Finanzelite den Krieg gewonnen…

Die handelnden Personen des Sophokles sind geblieben und entfalten jene dramatische Wucht, wie sie für griechische Tragödien typisch ist: Kreon und Antigone, Haimon, Ismene oder Teiresias – welche Rollen spielen sie, von welchen Konflikten werden sie getrieben?

In der Bearbeitung von Géza Révay (inspiriert von der Hölderlinschen Übersetzung) kommt die klassische Struktur des Dramas von Sophokles zu ihrem vollen Recht, und die Handlung führt unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts den Beweis:

»Ungeheuer ist viel. Doch nichts ungeheurer als der Mensch.«

Kritiken

Esslinger Zeitung | 11.12.2015

Stringent inszeniert

Die tri-bühne zeigt sich… wie immer politisch und globalisierungskritisch. ›Theben‹ steht denn auch weniger für ein Gemeinwesen als vielmehr für einen übermächtigen Konzern. Und Kreon ist nicht König, sondern ein Vorstandsvorsitzender. Der ›Chor thebanischer Greise‹ ist dementsprechend der Firmenvorstand: durch Masken gesichtslos gemachte Zopfträger, die dem Chef mal dies, mal das raten. Die Kostüme von Renáta Balogh zeigen halb altgriechische Gewänder, halb Businesskleidung und die Bühne von Stephen Crane im Hintergrund futuristisch-raumschiffartige Schiebetüren, hinter der sich die Machtzentrale Kreons verbirgt….

Die Bearbeitung von Géza Révay spielt in einer Zeit, in der Staat und Wirtschaft eins sind, die ›marktkonforme Diktatur die marktkonforme demokratie überwunden‹ habe, so liest man im Programmheft…

Der Konflikt auf der Bühne ist folglich ein etwas anderer: Stieftochter Antigone (Sofie Alice Miller) widersetzt sich Kreons Anweisung, den Leichnam ihres Bruder Polyneikes nicht zu beerdigen – sie handelt nach dem Gesetz der Menschlichkeit. Dem toten Bruder wird nämlich die letzte Ehre verweigert, nicht weil er rachedurstig Theben angriff, um seinem Bruder und Konkurrenten Eteokles auszuschalten, sondern weil er eine Revolte gegen den Konzern anzettelte… Kreon gehorcht nicht dem Staatsrecht, sondern dem Marktgesetz. Etwas, das auch in der tri-bühne in die Katastrophe führt, nämlich in den Familien-Suizid und den Wahnsinn Kreons.

Die Tragödie ist stringent inszeniert, auch wenn die Idee, Antigone als reinen Gutmenschen und ausschließlich als Opfer eines totalitären Systems darzustellen, der Rolle ihre Komplexität nimmt… Dafür erfreut ein rund aufspielendes Ensemble, das mit Manoel Vinicius Tavares da Silva als Haimon einen ans Herz gehenden Antigone-Verlobten und Kreon-Sohn zu bieten hat. Klein, aber sehr fein der Auftritt Adeline Bohnets als Kreon-Gattin Euridike, die in ihrem wortlosen Abgang alle Verzweiflung dieser Welt hineinzulegen weiß.

Verena Großkreutz
Ludwigsburger Kreiszeitung | 10.12.2015

Neue Bezüge

»… ganz auf der allgemeinen Linie des Hauses, aus einem alten Stoff neue Bezüge herzustellen. Und die Macht über den wichtigsten Lebensgrundstoff neben der Luft, das Wasser, ist tatsächlich ein Thema, das weltweit mehr Aufmerksamkeit verdient, denn daraus könnten wahrlich Riesenprobleme erwachsen, wenn der Trend fortgesetzt würde, auch das Wasser in die Hände von gierigen Kapitalgesellschaften zu geben.

Insofern hat das Stück durchaus eine stabile Grundlage… Sprachlich schwankt das Stück auf gekonnte Art zwischen antiken Versen, stark von Hölderlins Fassung geprägt, und moderner Alltagssprache. Es fällt angenehm auf, dass keine der beiden Varianten überstrapaziert wird, so bleibt der Text sehr schlank.«

Arnim Bauer