Ay, Carmela! – Lied der Freiheit

von José Sanchis Sinisterra |
Regie: Alejandro Quintana

Ein Spiel zwischen Traum und Wirklichkeit, Diesseits und Jenseits, voller bitterem Humor, Poesie und knisternder Spannung, ein Appell an die Standhaftigkeit, den Kampfesmut und die Menschlichkeit. All dies ist Sinisterras »Ay, Carmela!«, das 1987 in Saragossa uraufgeführt wurde und sich seitdem zu einem der größten Theatererfolge Spaniens entwickelt hat.

Zum Inhalt: Spanien 1938, während des Bürgerkriegs. Carmela und Paulino, ein fahrendes Schauspielerpaar, ziehen mit einem Programm aus Liedern, Flamenco, Zarzuela und Zauberkunststückchen durch die Lande. Sie geraten in die Reihen der Franco-Putschisten und werden gezwungen, die Truppe zu unterhalten. Doch Teil der Zuschauer sind nicht nur die Faschisten, sondern auch ihre Gefangenen von den Internationalen Brigaden…

Für Carmela und Paulino wird die Vorstellung zur künstlerischen und ethischen Schicksalsfrage: Ist Kunst angesichts des Unrechts möglich? Wann beginnt die Pflicht zum Widerstand? Als die Gefangenen während der Vorstellung die republikanische Hymne anstimmen, fällen Carmela und Paulino ganz unterschiedliche Entscheidungen höchster Tragweite…

Kritiken

Ludwigsburger Kreiszeitung | 8.5.2014

Lebhaft und mit Humor durchsetzt

Quintana, vor 40 Jahren vor den faschistischen Generälen aus seiner chilenischen Heimat geflohen, erweist sich als der geeignete Regisseur für dieses Zwei-Personen-Stück. Nicht in erster Linie deshalb, weil er nachfühlen kann, wie sich Menschen in faschistoiden Strukturen fühlen. Auch deshalb nicht, weil er die Originalsprache des Autors versteht, sondern weil er das schwere Stück mit leichter Hand unterhaltend und doch bedeutungsschwer mit aller Melancholie inszeniert hat…

Quintana inszeniert es mit seinen beiden Darstellern Natascha Kuch und Manoel Vinicius Tavares da Silva nicht etwa als trübes Melodram, sondern als lebhaftes, mit Humor durchsetztes Handlungsstück, das ganz auf die beiden Darsteller baut. Dabei leistet vor allem Natascha Kuch Hervorragendes, wenn sie sehr fein unterscheidet zwischen der Carmela, die aus dem Jenseits wiederkehrt, und der ungestümen Künstlerin im Hier und Heute. Alleine aus diesem Spannungsfeld kann der Zuschauer schon ungemein Gewinn ziehen. Aber auch die verstrickte Handlung mit Vor- und Rückblenden macht etwas Besonderes aus dieser eindringlichen Abrechnung mit dem spanischen Faschismus.

Arnim Bauer
Esslinger Zeitung | 4.5.2014

Ewig währende Fragen

Das ganz in Schwarz gehaltene, von Stephen Crane gestaltete Bühnenbild ist perfekte Kulisse und atmosphärisches Stimmungsbarometer zugleich. Tristesse ist Trumpf an diesem einsamen Ort, lediglich eine Tür im Hintergrund, ein mystisches Portal zum Jenseits, aus dem Natascha Kuch als Carmela auftritt, um den verzweifelten und phlegmatischen Paulino, dargestellt von Manoel Vinicius Tavares da Silva, am Vergessen zu hindern. Gemeinsam erzählen sie die tragische Geschichte im Rückblick, angereichert durch mystische Versatzstücke, lyrische Monologe und an Flamenco erinnernde Tanzeinlagen, die von Leila Adjemi choreografiert wurden.

Kuch gibt die von ihrem Herzen bestimmte unbeugsame, die für Kunst und Menschlichkeit bereit ist zu sterben. Bei all dieser Tragik ist sie es, die auch für die humorvolle Note sorgt, sei es durch ihre semierotischen Schilderungen aus dem Totenreich, sei es durch ihr trotziges Körper- und Mienenspiel. Da Silva wiederum füllt die Rolle des widerborstigen Zweifelnden so lebendig aus, dass es nachvollziehbar wird, wie der um Haltung Bemühte den Halt verliert und sich schließlich aus Sorge um sein Leben prostituiert und als Gescheiterter weiterexistieren muss.

In seiner Bearbeitung bleibt Regisseur Quintana nahe an der Vorlage, eine Projektion von Picassos Gemälde ›Guernica‹ unterstreicht den zeitlichen und lokalen Bezug. Trotz dieser historischen Verortung wirft der Stoff ewig währende Fragen auf, die nicht nur in Zeiten politischer Krisen Bestand haben und sich keinesfalls auf Kunst beschränken lassen: Inwieweit ist der Einzelne bereit, seine Werte zu bewahren, und wann wächst die Verpflichtung zum Widerstand? Es sind Fragen, die am Ende nur jeder für sich selbst beantworten kann, die es aber wert sind, immer wieder gestellt zu werden. Sei es, um eigene Positionen zu prüfen, Haltungen zu hinterfragen oder gar neu zu entwickeln. ›Ay, Carmela!‹ ist ein Stück, das einen solchen Gedankenprozess auslösen kann. Dass er in der tri-bühne auf sehr unterhaltsame Weise angeschoben wird, spricht für die Arbeit aller Beteiligten.

Ole Detlefsen
Stuttgarter Zeitung | 4.5.2014

Dichte und überzeugende Inszenierung

Endlich ist sie wieder da, die junge, lebenslustige Carmela. Sie waren ohne Abschied auseinander gegangen, jetzt steht Carmela wieder bei Paulino im Zimmer und schwatzt wie in alten Zeiten. Nur küssen mag sie nicht. Carmela fühlt nichts mehr, ist in einem ›grauen Zustand‹, immer wach, nie müde. Ihr Körper sei wie ein eingeschlafenes Bein, sagt sie und verspürt weder Angst, noch Trauer oder Lust. Denn Carmela ist tot. Erschossen wurde sie, mitten auf der Bühne.

Es ist eine kleine Geschichte aus dem Spanischen Bürgerkrieg, die die tri-bühne in ihrer neuen Produktion erzählt: ›Ay, Carmela! – Lied der Freiheit‹. Das Drama des spanischen Autors José Sanchis Sinisterra aus den achtziger Jahren wurde durch den Film von Carlos Santos international bekannt. Aber das intime Zweipersonenstück über Mut, Standhaftigkeit und Widerstand funktioniert auch bestens auf der Bühne. Carmelas und Paulinos Schicksal reflektiert einerseits die großen politischen Ereignisse, andererseits aber auch die ganz persönliche Frage: mitlaufen oder rebellieren? Den Tod riskieren oder als gebrochene Seele überleben?

Der Autor rückt nur sukzessive mit den Eckdaten der Handlung heraus, es dauert eine Weile, bis sich die Bröckchen, die er seinem Publikum hinwirft, zu einer Geschichte verdichten…

Die beiden Schauspieler der tri-bühne machen ihre Sache sehr gut, sind konzentriert und präzise. Natascha Kuch gelingt es selbstverständlich, zwischen der toten und, in den Rückblenden, der lebenden Carmela zu trennen. Es ist bestechend, wie Manoel Vinicius Tavares da Silva als Paulino versucht, den Mächtigen nach dem Maul zu reden und in einem pathetischen Bühnenmonolog das Publikum zu indoktrinieren…

Der Regisseur Alejandro Quintana lockert seine dichte und überzeugende Inszenierung immer wieder mit munteren Momenten auf. Ohnehin ist das Stück trotz seiner schweren Thematik erstaunlich leicht, wechselt zwischen Banalität und Bedrohung und geht fließend über von komödiantischer Unbeschwertheit in Düsternis…

Adrienne Braun