Unser täglich Sandwich

von Ricardo Talesnik |
Regie: Alejandro Quintana

Für Pedro Vignale, den Angestellten eines Großunternehmens, ändert sich über Nacht alles. Eine innere Müdigkeit und Leere haben ihn befallen, grau in grau ist ihm zu Mute. Ein Gefühl, das jeder von uns kennt. Er allerdings beschließt, einfach im Bett zu bleiben und fürderhin nicht mehr ins Büro zu gehen. Schlagartig wird ihm besser und niemand vermag ihn von seinem Entschluss abzubringen.

Natürlich versetzt dies seine Familie in helle Aufregung, ist sie doch existenziell abhängig von seinem schmalen Einkommen. So versuchen Ehefrau und Mutter mit allerlei Tricks, Pedro Vernunft einzuimpfen. Gleichzeitig entwickelt sein Akt der Verweigerung en passant eine betriebliche Dynamik, die schließlich einen Großkonzern ins Wanken bringt. So wird Pedro von zwei Seiten gehörig in die Zange genommen, wobei auch die psychologische Kriegsführung zum Zuge kommt. Doch Pedro bleibt felsenfest.

Allerdings hat er nicht damit gerechnet, dass Blockade des Systems und Veränderung des Systems zwei Paar Stiefel sind. Und dass die elementarsten Bedürfnisse schließlich doch befriedigt werden müssen…

Mit leichter Hand verfasste der argentinische Dramatiker Ricardo Talesnik eine Komödie über moderne Arbeitswelten, ihre Zwänge, die subversive Kraft der Poesie und über die Unmöglichkeit, im Schlechten Gutes zu bewirken…

Oder triumphiert Pedro Vignale am Ende doch?

Kritiken

Ludwigsburger Kreiszeitung | 12.5.2013

Die Stilsicherheit des Meisters

Regisseur Alejandro Quintana hat eine Sprache gefunden, die das Stück im ernsten, aber humoristischen Raum bewegen lässt. Bis an den Rand der Klamotte reizt er die Mittel der Komödie aus. Es gehört die Stilsicherheit des Meisters dazu, die Schraube nicht zu überdrehen. Quintana gelingt das, auch weil er seine Schauspieler auf den Punkt führt. […]

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Arnim Bauer
Esslinger Zeitung | 13.5.2013

Provozierend

Das Stuttgarter Theater tri-bühne hat mit der Komödie "Unser täglich Sandwich«… ein Stück gewählt, das angesichts der hiesigen Mentalität durchaus provozieren könnte. Man stelle sich vor: In Stuttgart, der Hauptstadt der Schaffer und Häuslebauer, des pietistischen, von unermüdlichem Fleiß befeuerten Arbeitsethos, blieben flächendeckend alle Fünfe gerade, die Bevölkerung ließe das Führungspersonal von Daimler, Bosch und Porsche mit sich alleine. Die lustvolle Arbeitsverweigerung Pedros bringt dann auch nicht nur sein Eheleben durcheinander, sondern gefährdet auch die Existenz der Firma, deren nunmehr zum Widerstand angestachelten Mitarbeiter Pedro zum Helden-Märtyrer stilisieren.

Verena Großkreutz
Stuttgarter Zeitung | 12.5.2013

Übermütiges Theaterspiel

Was wäre wenn -- wenn einer aussteigt, sich verweigert und rigoros dem Lustprinzip anhängt?

Der faule Pedro handelt sich vor allem Ärger ein. Die Frau schimpft ihn, die Mutter schlägt ihren ungezogenen Sohn. Seinen Kollegen aber kann Pedro in seinen Bann ziehen. Wie Kinder spielen die beiden Banküberfall, tanzen durchs Zimmer oder grölen wie Heldentenöre in eine Banane.

Der Regisseur Alejandro Quintana hat alle Kraft in diese aufgekratzten, komödiantischen Szenen gesteckt, hat sie ausgeschmückt und angereichert mit clownesken Blödeleien und Schenkelklopferhumor. Er scheut nicht vor derben Späßen zurück… Hauptsache wild, laut, lustig…

Und so ist »Unser täglich Sandwich« nicht mehr, aber auch nicht weniger als übermütiges Theaterspiel.

Adrienne Braun
Stuttgarter Nachrichten | 12.5.2013

Herrlich anarchisches Vergnügen

Es gibt das Bett, das Bad, die Stereoanlage, an der Wand ein Bild der Mutter, das Bild einer Heiligen, einen Kühlschrank, Fußballfotos und, unsichtbar für die Zuschauer, ein Fernsehgerät. Vor ihm sitzt Marta Vignale und weint. Der durchsichtige Vorhang schwingt zurück, das Melodram endet und die Farce beginnt: Martas Gatte Pedro probt den Aufstand…

Mit Pedro Vignale erfand der Argentinier Talesnik ein zeitgenössisches Pendant zu Melvilles Schreiber Bartelby: Der Angestellte eines Großkonzerns will nicht mehr ins Büro gehen. »Ich mag nicht mehr«, ist alles, was er dazu sagt. Damit stellt er nicht nur seine häuslichen Verhältnisse, sondern zuletzt den ganzen Konzern auf den Kopf…

Wunderbar ist es, wenn die modernen Sklaven ihre wiedergewonnene Freiheit in von Stephen Crane gestalteten Zimmer ausleben, infantil und trotzig umhertoben…

Der Regisseur lässt sein Ensemble viele Szenen ganz ausagieren -- eine etwas straffere Inszenierung hätte dem Stück gut getan. In seinen besten Momenten allerdings ist »Unser täglich Sandwich« ein herrlich anarchisches Vergnügen.

Thomas Morawitzky