Lesung | Konzert

Blumen für Leonard

Songs und Gedichte von Leonard Cohen
von Marcus Michalsky und Dietrich Lutz

Liebende

Im ersten Pogrom trafen sie sich
Hinter den Ruinen ihrer Häuser –
Sanfte Händler tauschten ein: ihre Liebe
Gegen eine Geschichte voller Verse.

Und bei den heißen Öfen
Erschwindelten sie sich listig einen
Kurzen Kuss, ehe der Soldat kam
Um ihr die Goldzähne auszuschlagen.

(Leonard Cohen)

Mit dem kanadischen Songwriter Leonard Cohen verbindet man als Nicht-Kenner normalerweise seine großen klassischen Hits wie »Suzanne«, »Sisters of Mercy« oder »So long, Marianne«. Doch Cohen war (und ist) auch als Lyriker sehr aktiv, v.a. im englischsprachigen Raum sind zahlreiche Bände von ihm verlegt worden.

Der Abend präsentiert eine Auswahl der großen musikalischen und literarischen Bandbreite Leonard Cohens.

Uraufführung am 22.12.2007

Gelesene Gedichte aus: »Blumen für Hitler« von Leonard Cohen.
Aus dem Amerikanischen von Anna von Cramer-Klett und Anja Hauptmann.
© 1970 by Leonard Cohen, © 1970 März Verlag.

Kritiken

Ludwigsburger Kreiszeitung | 24.12.2007

Tiefgang und Charakter

»Getragen von der tief aus den Abgründen zwischen Brust und Bauch kommenden Stimme Cohens sind diese Songs immer gut für schwere Stunden. Der junge Schauspieler Marcus Michalski indes singt die Lieder Cohens viel heller, weniger getragen. Aber auch das ist kein Grund, nun in Depressionen zu verfallen. Natürlich ist das eine oder andere lieb gewonnene Schmerzenslied nicht mehr das, was man von ihm erwartet, aber Michalski bietet auch die Chance, diese Lieder neu zu entdecken. Zumal er durchaus über stimmliche Fähigkeiten verfügt, die eben nur ganz anders sind, als die des kanadischen Songwriters.

Und so werden die Cohen-Songs entkleidet, stehen dann ziemlich nackt da. Unter dieser schonungslosen Offenheit entfalten manche Songs neue Qualitäten, emanzipieren sich von der Stimme ihres Schöpfers, andere werden auf ein erstaunliches Maß reduziert. Einer Art musikalischer Qualitätsprüfung werden sie unterzogen, wobei die Aufführung diese sicher besteht. Dabei tut auch gut, dass Michalski am Ende eben nicht als ein Sänger dasteht, der nun sein Herzblut ausschüttet, sondern mit der Distanz des Darstellers die Lieder vorträgt.

Zu dieser Qualität trägt auch Julianna Herzberg bei, die mit sehr viel Präsenz die kurzen Briefe und Gedichte einstreut, die den Abend erst endgültig vom Odium eines gediegenen Liederabends befreien.«

Arnim Bauer
Stuttgarter Nachrichten | 24.12.2007

Briefe an eine schöne Frau

»Im Mittelpunkt steht nicht etwa der Autor, der Sänger, sondern die Adressatin, an die diese Texte gerichtet sind.

Julianna Herzberg spielt diese Frau. Vor einer leuchtenden Jalousie sitzend raucht sie, zerknüllt Briefe, zerreißt sie, springt auf, setzt sich wieder. Liest die Zeilen, in denen sich romantische Leidenschaft, Erotik, religiöse Symbolik und apokalyptische Bilder vermengen, knapp und lakonisch, in der für Cohen typischen Weise.

Dann plötzlich Licht auf der linken Bühnenseite, Marcus Michalski am Mikrofon, Dietrich Lutz am Piano, Benjamin Holz am Bass. Cohen musste sich im Laufe seiner Karriere häufig den Vorwurf gefallen lassen, er könne überhaupt nicht singen; Michalski kann es, keine Frage. Wo der Kanadier trocken bleibt und voller Understatement, schöpft sein Interpret Emphase aus dem Vollen, singt jede Phrase aus, fügt Nuancen hinzu.

Manch scharfe Kante haben Michalski, Herzberg, Lutz und Holz für diesen Abend abgeschliffen – ihr Cohen ist lyrisch und schwermütig, man spürt nur wenig vom manchmal bitteren Humor des Sängers, von seinem trockenen Ton. Aber das ist vielleicht auch gut so, denn der ist eh unnachahmlich.«

Thomas Morawitzky
Stuttgarter Zeitung | 24.12.2007

Klar, Hoch, Sturm, Drang

»Und also lieh Marcus Michalski, der treibende Geist des Ganzen, dem großen kanadischen Songwriter-Erotomanen seine klare, hohe, stürmende und drängende Stimme. Allein schon dieser Stimme wegen bestand nie die Gefahr, dass billig imitiert hätte werden können, was im Original aus Grabestiefen brüchig Richtung Leben strebt.

Nein, Michalski interpretiert, und das durchaus mutig… Wo beim mittlerweile 73-jährigen Original schon der Stimmsteinbruch den Kitschverdacht verschluckt, da arbeitet Michalski mit Drive. Zum kreativ zusammengestauchten Klavier von Dietrich Lutz und zum souverän streichelnden Bass von Benjamin Holz gerät dem Cohen-Interpreten Michalski vieles einleuchtend…

Die glaubhaft liebende Wärme, mit der Herzberg Cohens (lyrisches) Werk durchdringt, befeuert eine bis ins Detail durchdachte und erfühlte Inszenierung rund ums schnöde Blatt Papier.«

Michael Werner