Gäste

Gäste

von Oliver Bukowski |
Regie: Gábor Zsámbéki

Im Dörfchen Alt-Kreumel gibt es nur eins reichlich: erfolglose Landwirtschaft. Das junge Ehepaar Kathrin und Erich hat davon genug und geht unter die Existenzgründer. Der Saustall ist nun Hotel und die dörfliche Gemeinschaft ist bereit für den florierenden Zulieferbetrieb. Doch das entscheidende Etwas fehlt: die Gäste. Als endlich Herr »Dr.« Manfred Neugebauer, der erste (und einzige) zahlende Besucher, erscheint, ist er alles – nur nicht der erhoffte »Sendbote der Konjunktur«.

Oliver Bukowski schrieb mit seinem Stück eine Tragödie voll von grimmigem Humor oder eine Komödie mit knorrigen Verlierertypen, die zu Herzen gehen. Er wurde 1999 für »Gäste« mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet.

Ort der Handlung: Ein durch Rezession verödeter Landstrich, dörflich.

Premiere am Freitag, dem 1. März 2002.
Die Aufführungsrechte liegen bei der Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs GmbH, Berlin.

Kritiken

Stuttgarter Nachrichten | 4.3.2002

Großartig

»Ein ehemaliger Saustall war‹s, ein Schmuckstück von Hotel haben sie draus gemacht. Dafür haben sich Er (Erich) und Sie (Kathrin), ein junges Paar, verschuldet und abgeschuftet.

Denn in diesem durch Rezession verödeten Landstrich eine Existenz zu gründen, bedeutet Krieg. Doch über diesem Krieg vergessen die beiden ihre Liebe. ›Gäste‹ heißt die ebenso bissige wie sprachgewaltige Farce von Oliver Bukowski…

Gábor Zsámbéki, der ungarische Meisterregisseur, entwickelte für die tri-bühne ein bildkräftiges Ballett der Entwürdigung.

Wo der Existenzkampf tobt, ist kein Platz fürs Feine. Wer hier lebt und sich nicht die Gedanken und Gefühle des Grobmotorikers zulegt, geht unter. Gábor Zsámbéki findet dafür streng choreografierte Bilder der Zwangsläufigkeit… Ungehobelt im wahrsten Sinn auch Csörsz Khells prächtige Multifunktionsbühne: Decke, Boden und die mobilen Wandelemente eine Ausgeburt enthemmten Heimwerker-Furors mit unbehandelten Brettern aus dem Baumarkt…

Wilhelm Schneck zeichnet den Junghotelier als erfolgsbesessenen Berserker der Servilität, der lieber die Schuhe des Gastes sechsmal wienert, als seiner Frau einen Blick zu schenken. Und Gunda Schanderers Kathrin, irgendwann vom Gast gar geschwängert, zerfällt zur Schlampe mit wirrem Haar. Großartig, wie genau Zsámbéki jede Figur beobachtet. Den Dorfpfarrer Lutz Mirsch (Burkhart Siedhoff) etwa, ein vom Alkohol gezeichnetes menschliches Wrack beim vergeblichen Ringen um einen letzten Rest Menschenwürde. Oder Zülfiye Arslans Edith, geistig behindert, doch zart beseelt, dem Gast als Freiwild für seine gierigen Hände anverlobt.«

Horst Lohr
Stuttgarter Zeitung | 4.3.2002

Souverän

»Zsámbéki ist ein sorgfältiger Regisseur, der sich für kleine Momente viel Zeit lässt, der Sätze dehnt, um deren ambivalenten Gehalt aufzudecken, der die Spannung souverän über Minuten hinweg halten kann.«

Adrienne Braun
Esslinger Zeitung | 4.3.2002

Messerscharf seziert

»Bukowski, 1999 für ›Gäste‹ mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet, hat alles andere als eine lauwarme Hommage an den sozialistischen Realismus geschrieben. Messerscharf seziert er die Seele der Menschen, die am künstlich beschleunigten Wertewandel zerbrechen. Seine Psychogramme macht sich das Ensemble der tri-bühne zu eigen: Mit der Axt in der Hand und mit Entschlossenheit im Blick will Erich (hypernervös und ehrgeizig: Wilhelm Schneck) für sich und seine Frau Kathrin eine Existenz aufbauen. Flugs wird der einstige Saustall zum Hotel umfunktioniert…

Sensibel schlägt Gunda Schanderer, die faszinierend zerbrechlich die Rolle der Kathrin spielt, schon von Beginn an Sprünge in das Porträt des scheinbar aufstrebenden Paares. Denn nicht nur Gäste, sondern auch der erhoffte Nachwuchs lässt auf sich warten. Ängste, sexuelle Gewalt und Hass zeigen Schanderer und Schneck mit so viel Konsequenz, dass ihr Spiel dem Publikum kalte Schauer über den Rücken jagt.«

Elisabeth Maier