Nora oder ein Puppenheim

von Henrik Ibsen |
Regie: Edith Koerber

In Ibsens genialem Ehedrama spielt das Geld eine dominante, ja entscheidende Rolle. Ihm ordnen sich die menschlichen Verhältnisse und Beziehungen unter. Persönliches Glück oder Unglück hängt von der Summe ab, die aufgetrieben werden kann. Der Markt greift regulierend bis in die intimste Sphäre ein. Ibsen war ein Realist. Er hat die Verhältnisse in seiner Zeit durchschaut. Sie waren in ihrer Struktur den unseren sehr ähnlich. Wie würde er »Nora oder ein Puppenheim« heute schreiben?

An den drei hohen Feiertagen der Liebe ist alles vorbei. »Das Wunderbare wäre, wenn unser Zusammenleben eine Ehe werden könnte!« seufzt Nora. Bloß dass sie nicht mehr an das Wunderbare glaubt. Die klassischste aller Ehefrauen, die die dramatische Literatur je hervor gebracht hat, beendet das Gespräch – und alles andere – auf eine sehr moderne Weise… Edith Koerbers Inszenierung passt das viel gespielte Ehedrama vom Ende des 19. Jahrhunderts behutsam dem Anfang des 21. Jahrhunderts an. Eines der spannendsten Ehe- und Gesellschaftsdramen unserer Zeit.

Premiere am 18. Februar 2005.

Kritiken

Fränkische Nachrichten | 24.1.2005

Gekonnt und stimmig

»Edith Koerber setzt in ihrer nicht historischen, sondern durchaus aktuellen, aber nicht gewollt modernen, sondern gekonnten, geradezu klassischen und deshalb auch in diesem Umfeld stimmenden Inszenierungen zum einen auf die unterschiedliche Herkunft von Nora und ihrem Mann Helmer, zum anderen auf das verschiedenartige Rollenverständnis der beiden in der Ehe …

Ein offener Raum, mit ein paar Möbelstücken, einem Klavier und Kinderspielsachen, das ist das ausreichende Bühnenbild, in dem sich die Darsteller glaubhaft bewegen. Sozusagen der Globalisierung Rechnung tragend, stammt die Haushälterin aus Schwarzafrika.

Doch auch Nora selbst ist Ausländerin, eine Russin, die von Natascha Beniashvili-Zed mit zur Rollendeutung geradezu passendem Akzent gespielt wird… Darüberhinaus versteht sie es ausgezeichnet, den Wandel Noras von der lebhaften, scheinbar unbeschwert fröhlichen zur ernsten, selbstbewussten Frau, die ihr Leben in die eigenen Hände nimmt und sich so emanzipiert, transparent zu machen.«

Dieter Schnabel
Ludwigsburger Kreiszeitung | 22.2.2005

Das hat Klasse…

»Ibsens ›Nora‹ benötigt kaum noch eine Interpretation als Gesellschaftsdrama um die Rolle der Frau. Auch Edith Koerbers Inszenierung folgt voll und ganz den Intuitionen dieses Stücks.

Manchmal will es sogar scheinen, dass die gut zweistündige Aufführung fast zu deutlich und damit belehrend zu werden droht. Aber immer wieder folgt derartigen Ansätzen dann eine Wende hin zur spannenden Inszenierung mit meist sehr klug geführten und dargestellten Charakteren…

Dass Koerbers Inszenierung die Gefahr umschifft, ein gestriges Emanzendrama zu sein, dafür trägt vor allem Natascha Beniashvili-Zed bei. Sie gibt der Nora so viel plastische Lebendigkeit, so viel natürlich wirkenden Tiefgang, dass alle anderen Aspekte schlichter Einfachheit dadurch völlig übertüncht werden. Wie sie alle Gefühlslagen dieser Nora, die ihr Ehegefängnis erst erkennt und dann verlässt, wie selbstverständlich widerspiegelt – das hat Klasse, das alleine schafft schon Spannung.«

Arnim Bauer