Kritiken
Onkel Wanja
Szenen aus dem Landleben in vier Akten
von Anton Tschechow | Regie: Edith Koerber
Überzeugendes Ensemble
„…tri-bühne-Chefin Edith Koerber (Regie und Bühne) findet für den melancholischen Ton der „Szenen aus dem Landleben” den stimmigen szenischen Ausdruck der farb- und freudlosen Existenz ihrer Figuren. Überall auf dem Gut herrscht Grau und erdschweres Braun. Auch bei den Kostümen von Renáta Balogh. Sie verweisen auf ein Leben, das zwischen Häkeldeckchen und Schaukelstuhl vom Gestrigen bestimmt wird – und vom notorischen Griff zur Wodkaflasche als Seelentröster.
Regisseurin Koerber beobachtet genau, wie Tschechows Menschen sich in jahrelanger ungestillter Sehnsucht nach einem Du verbraucht haben. Wie sich im Alkoholnebel plötzlich müdes Gefühlsfeuer am falschen Gegenüber entzündet, um ebenso schnell wieder in Lethargie zu verlöschen. Sie hängt als unsichtbares Netz chronischer Resignation über den Protagonisten. Das lähmt sie oder lässt sie hilflos in ihrem Scheitern zappeln. Die Aussichtslosigkeit, irgendwann das Glück auf dieser Welt zu finden, hat alle wie ein Virus befallen.
Welche Macht, so fragen Regie und Ensemble überzeugend, zwingt diese rätselhaften Menschen, ihr Leben ständig auf ein unbestimmtes Morgen zu verschieben.
Was bindet eine junge, ätherisch damenhafte Frau wie Elena (gespielt von Natascha Beniashvili-Zed) an ihren Mann, den hypochondrischen Literaturprofessor Serebrjakow (Rainer Suter), wo sie doch den Arzt Astrow (Cornelius Nieden) liebt? Und warum betäubt Wanja (Folkert Milster) seine angebliche Liebe zu Jelena nur mit Tränen und reagiert die Wut auf den schmarotzenden Serebrjakow mit einem Pistolenschuss ab, der lediglich eine Gießkanne trifft? Aus dem entstandenen Loch versprudelt der Lebensquell Wasser – ein symbolisches Bild verfehlten Lebens.”
Unaufgeregt, aber umso eindringlicher
„…Was in den menschlichen Beziehungen hochdramatisch erscheint, wirkt in Edith Koerbers Inszenierung eher nüchtern und selbstverständlich – das Grauen des Alltags wird selbst zur Alltäglichkeit. Weder ist Rainer Suters Professor eine völlig aus der Welt gegriffene Figur, noch ist Wanja (Folkert Milster) eine theatralisch tragisch-verzweifelte Gestalt, auch wenn er, als er endlich auf den Professor schießt und ihn zweimal verfehlt, ausrastet.
Die Qualität dieser Inszenierung liegt in der scheinbar normalen Last des Lebens, das die Figuren hier unaufgeregt ertragen. Die unerwiderte Liebe von Sonja (feinfühlend: Julianna Herzberg) zu Astrow (stark: Cornelius Nieden) und dessen alkoholgetränktes Schmachten nach Elena – alles ist auf ein wohltuendes Normalmaß zurückgestutzt. Das ist besser anzuschauen, als wenn es hochdramatisch in Szene gesetzt worden wäre.
Die Inszenierung bleibt bis zum Schluss bei ihrem Stil des Unaufgeregten, aber deshalb umso Eindringlicheren.”
Szenische Lebendigkeit und emotionales Rollenspiel
„…Man blickt in der Stuttgarter tri-Bühne auf die Breitseite des Landguts der Wojnizkis und Serebrjakows, und die von Edith Koerber mit liebevollem Realismus zusammengetragenen Details wie auch die Kostüme Renáta Baloghs zeigen eine gewisse Nähe zur Entstehungszeit von Tschechows ‚Onkel Wanja’…
Edith Koerber schält in ihrer Inszenierung die einzelnen Facetten dieser Lebensleere mit szenischer Lebendigkeit heraus… [Sonja] wünscht sich ein Leben mit dem Landarzt Astrow, an dessen Ideale sie glaubt, während er sie längst verloren hat. Cornelius Nieden spielt diesen öfters betrunkenen, doch glasklaren Zyniker mit trauriger Melancholie. ‚Langweilig, blöde, dreckig’ ist für ihn das Leben „inmitten lauter Halbverrückter”, Sonjas Gefühle kann er, unfähig geworden zur Liebe, nicht erwidern – „das einzige, was mich noch berührt, ist Schönheit”. Die bewundert er in Elena, doch sie spürt Astrows Unschlüssigkeit und die eigene Angst vor Leidenschaft und Hingabe. Wie Nieden und die grandiose Natascha Beniashvili-Zed dieses emotionale Rollenspiel nuanciert darstellen, ist kunstvoll und spannend anzusehen.
Die von Tschechow grotesk in Szene gesetzte Katastrophe wird in der tri-Bühne turbulent ausgespielt. Wanja, der zuvor seinen Hass auf Serebjakow mit Holzhacken abreagiert hat, greift zur Pistole und schießt zweimal daneben. Rainer Suter als egomanischen Professor bringt auch das nicht aus der Ruhe, doch bei seiner Abreise werden die Beziehungsfäden zwischen Elena, Astrow und Sonja gekappt. Ihr Schlusswort ist verzweifelte Melancholie: ‚Was sollen wir tun, wir müssen leben…’”
