Kritiken

Nach mir die Sintflut
von Lluïsa Cunillé | Regie: Alejandro Quintana

Ein Meisterwerk

Ein Stück, wie geschaffen für dieses Theater, das gerne Stellung bezieht, ohne dabei auf den künstlerischen Anspruch zu verzichten. Und dieses Stück ist ein Meisterwerk. Es erzählt gleich auf drei Ebenen Geschichten von hoher Relevanz. Spannend zunächst der Dialog zwischen Dolmetscherin und Geschäftsmann, nicht weniger interessant das, was die Dolmetscherin dem Europäer übersetzt, die Worte und die Bitte eines todkranken alten Mannes, der den Weißen bittet, sich seines Sohnes anzunehmen. Und letztlich die unausgesprochene bitterste Geschichte, die sich hier in Metaphern und Allegorien wie ein bedrückender, schwerer Mantel über alles legt: Das Schicksal, die Ausbeutung, die ungerechte Behandlung des an sich so reichen Kontinents Afrika, wie der Westen allenthalben dort seine Werte verrät.

Keine leichte Geschichte, denn sie endet immer tragisch. Aber so, wie sie Quintana… erzählt, ist sie ein packendes Theatererlebnis.

Denn es gelingt ihm, die drei Ebenen zu verschmelzen und doch klar getrennt voneinander zu erzählen. Trotz vieler Worte und wenig vorgegebener Handlung auf der Bühne führt er seine beiden Darsteller so, dass niemals Langeweile aufkommen kann, dass die Spannung hochgehalten wird. Mit seinen beiden Darstellern hat er ein fesselndes Spiel entwickelt. Die beiden schaffen es, alles sehr selbstverständlich im Besonderen wirken zu lassen… Natascha Kuch in der Rolle der Dolmetscherin… liefert so etwas wie ihr Meisterstück ab. Ihr steht Christian Werner in nichts nach… Die beiden sorgen dafür, dass aus einem schwierigen Stück ein spannendes und in seinen feinen Facetten nachfühlbares Werk entstanden ist.

Poetischer Thriller

Alejandro Quintana hat das Kammerspiel an der tri-bühne als poetischen Thriller inszeniert, in dem afrikanische Hitze flirrt und europäische Unterkühltheit lähmt…

Welchen Wert hat ein afrikanisches Menschenleben für europäische Unternehmen? Was bekommt der ausgebeutete Kontinent für Gold, Diamanten, Coltan? Cunillé stellt globale Zusammenhänge her, beleuchtet die Folgen verweigerter Verantwortung und die Ursachen für das Wandern der halben Weltbevölkerung nach Europa. ‚Nach mir die Sintflut’ wirkt über den gesamtkünstlerisch beeindruckenden Premierenabend hinaus. Es ist eben doch nicht alles egal.

Hochaktuell

Angesichts der Armutsemigration aus afrikanischen Ländern hätte sich Regisseur Alejandro Quintana für seine Inszenierung in Renáta Baloghs stark reduziertem Bühnenbild kaum ein aktuelleres Thema aussuchen können…