Kritiken

In meinem Alter rauche ich immer noch heimlich
von Rayhana | Regie: Edith Koerber

Melancholische, mit Witz gezeichnete Hommage

„Fatima hat acht Kinder, einen unerträglichen Ehemann und eine schlecht bezahlte Arbeit als Masseurin im Hamam. Vom Leben erwartet sie nicht mehr viel, von Gott schon gleich gar nicht. Erst recht nicht, seit die selbsternannten Glaubenswächter, die ‚rasiert nach Frankreich gefahren und mit langem Bart zurück gekommen sind’, die algerische Gesellschaft terrorisieren.

Doch im Hamam, dieser vor der Männerwelt verschlossenen Oase der Intimität, können Fatima und ihre Kundinnen offen reden. Über Sex, Liebe und die Härten ihres Lebens. ‚In meinen Alter rauche ich immer noch heimlich’, seufzt Fatima (Natascha Beniashvili-Zhed) bei einer kurzen Pause. So lautet auch der Titel der Tragikomödie der in Frankreich lebenden algerischen Autorin Rayhana.

Man kann dieses im Nachbarland viel gespielte Stück… als melancholische, aber auch mit Witz und derben Sprüchen gezeichnete Hommage an die Frauen ihrer Heimat lesen. Aber es steckt noch mehr in diesem Drama, das die Intendantin Edith Koerber mit einer großartigen Schauspielerinnenriege besetzt hat – acht Frauen stehen auf der Bühne und jede einzelne spielt mit großer Emotion und Eindringlichkeit.

‚Im Hamam wird nicht über Politik gesprochen’, herrscht Fatima, die Herrscherin über die Dampfschwaden, zwei streitende ehemalige Freundinnen an. Doch der tiefe Riss, der durch die algerische Gesellschaft geht, zieht sich auch durch die Gemeinschaft der Badenden.

Zaya kommt im Tschador und will, dass ihr kleiner Sohn einmal zum Gotteskrieger wird. Ja, sie ist eine Fanatikerin, aber sie hat auch eine Geschichte, die ihre Entscheidung sich einem todbringenden totalitären System unterzuordnen, von dem sie nichts als Unterordnung zu erwarten hat, zwar nicht rechtfertigt, aber erklärt.

Im heißen Dampf des Hamams wird Tacheles geredet. Doch neben dem Dirty Talk und den Lektionen in Politik gibt es noch eine weitere Ebene in diesem klug konstruierten Stück – die der Poesie, die auch durch das Bühnenbild unterstrichen wird. Selbst wenn der Schutzraum Hamam zunehmend gefährdet wird, bis der Terror der Islamisten auch vor diesem Hort der Frauenpower nicht Halt macht – am Ende steht ein Traum, ein wunderbares Bild einer Wolke aus schwarzen Schleiern, die über dem Meer untergeht.”

Viel Sprachwitz und französische Leichtigkeit

„Es ist ein starker Theaterstoff… Das Stück spielt irgendwo in einem arabischen Staat im hermetischen Raum eines Hamams, eines Dampfbades, an einem für Frauen reservierten Tag: Hierher flüchtet sich eine junge verzweifelte Frau, die kurz vor der Entbindung steht. Weil sie unverheiratet schwanger wurde, wird sie von ihrem Bruder verfolgt, der sie töten will – das kennen wir auch in Deutschland, diese sogenannten ‚Ehrenmorde’.

Aber Rayhana machte aus diesem Stoff kein schwerblütiges Moralstück, sie schrieb eine Tragikomödie mit viel Sprachwitz und einer durchaus französischen Leichtigkeit. Dabei wird der Hammam zum Treffpunkt unterschiedlicher Frauentypen, die der häuslichen Enge entfliehen, um zu reden. Über Gott und die Welt, aber vor allem über Männer, ihre Ehe, über Sex. Und das recht deftig. Es wird schnell klar: ‚Den Islam’ gibt es nicht. Es sind ganz unterschiedliche Geschichten, von denen die neun Frauen auf der Bühne berichten…”

Die scharfe Waffe des Lachens

„Einiges zu lachen gab es bei der Eröffnungsveranstaltung zum Europa-Theater-Treffen (SETT) in der tri-bühne. Dabei ist der Stoff in dem von Intendantin Edith Koerber neu inszenierten Stück ‚In meinem Alter rauche ich immer noch heimlich’ alles andere als lustig – eher ist es zum Weinen, was die in Frankreich lebende, aus Algerien emigrierte Autorin Rayhana thematisiert. Es geht nämlich um die Rolle der Frau im Islam, wie man im Stück sehr authentisch erleben kann, ein ungemein trauriges Kapitel. Die Autorin, zur Premiere extra nach Stuttgart gekommen, hat eine Art Refugium für islamische Frauen geschaffen, einen Hamam, ein orientalisches Bad, in dem unterschiedliche Frauen zusammentreffen…

Hier breiten sie ihre Geschichten aus: Die Hamam-Chefin Fatima (Natascha Beniashvili-Zhed), die die schwangere Myriam (Natascha Kuch) vor dem Zorn ihres Bruders versteckt. Die schon 29-jährige Samia, Masseurin im Hamam, die von ihrer baldigen Verheiratung mit einem Unbekannten träumt. Außerdem ist da Louisa (Ute von Stockert), die reife Hausfrau, die einen Weg aus der Ehehölle gefunden hat. Die Lehrerin Kaltoum (Barbara von Münchhausen), die unter der Unterdrückung ihres Gatten leidet. Dazu die böse, traditionsverhaftete Schwiegermutter Aicha (Fermesk Mustafa Abdolrahman) und die Fundamentalistin Zaya (Stefani Matkovic). Und zuletzt die feine Dame, die nach Frankreich ausgewandert war und nun ihren Sohn verheiraten möchte (Dorothea Baltzer).

Jede schildert ihre Situation und es zeigt sich, dass alle auf unterschiedliche Weise unter dem traditionellen islamischen Frauenbild leiden. Aber als die Männer an die Türe schlagen und Zaya und ihr Neugeborenes töten wollen, schaffen es die Frauen, solidarisch zu handeln.

Edith Koerber und ihrem achtköpfigen Frauenensemble aus mehreren Kulturen und Ländern ist es gelungen, die Tatsachen, wie sie nun mal sind, sehr klar darzustellen. Realistisch, sarkastisch, ironisch und doch mit viel Ernst. Und auch auf jedes Verständnis für die menschenverachtenden Praktiken der patriarchalischen Wertewelt des Islam wird verzichtet. Die böse Ironie trägt ein Übriges bei, dass das Stück nicht lamentiert, nicht mit Fingern zeigt, sondern mit großem Sarkasmus sich auch des Lachens immer noch einer scharfen Waffe bedient.”