Kritiken
Empfänger unbekannt
von Kressmann Taylor | Regie: Edith Koerber
Den Nerv getroffen
Zu unserem Gastspiel in Tel Aviv im Januar 2006:
„Eingeladen vom Cameri-Theater, einem der wichtigsten Häuser in ganz Israel, zeigte die Truppe um Edith Koerber an zwei Abenden ihre Inszenierung von ‚Empfänger unbekannt’… Es liegt in der Logik der Sache, dass die tri-bühne just mit diesem auf einem Briefroman von Kressmann Taylor basierenden Drama in Israel gastiert. ‚Im Land der Opfer wächst dem Stoff um Treue und Verrat eine andere Brisanz zu als im Land der Täter’, sagt Edith Koerber.
Dass die Intendantin mit dieser Feststellung Recht hat, lässt sich allein schon an der Kartennachfrage ablesen. Im Nu sind beide Vorstellungen ausverkauft. Und beide Vorstellungen treffen auch den Nerv des Publikums: Nach jeweils anderthalb Stunden kann das fünfköpfige, im Vorfeld durchaus nervöse tri-bühne-Ensemble im Applaus derer baden, die überlebt haben.
Atemlos verfolgen die Zuschauer, darunter viele Jeckes, also Israelis deutscher Herkunft, die exemplarisch zu verstehende Geschichte von ‚Empfänger unbekannt’… Diese Geschichte mit der überraschenden Wendung lässt eine dunkle Epoche wieder aufleben, sie wühlt in den Erinnerungen der Zuschauer, die sich in dem hoffnungslos überfüllten Theatersaal versammelt haben. Das dürfte der eine Grund für den überwältigenden Erfolg des Gastspiels sein. Der andere ist schlichter, wiegt aber gleichfalls schwer: Es ist die Liebe zur deutschen Sprache, die noch immer in den Herzen der Jeckes steckt und sie scharenweise in die Aufführung treibt… Und sollte doch jemand Verständigungsschwierigkeiten haben, dann werden sie von der äußerst klaren Inszenierung schnell beiseite geräumt, dieser präzisen Komposition aus Text und Bild, Licht und Bewegung, Musik und Geräusch.”
Viel Sinn für Atmosphäre
„‚Adressat unbekannt’ nennt sich der Briefroman von Kressmann Taylor, der 1938 in einer amerikanischen Zeitschrift erschien und kürzlich als Taschenbuch in Deutschland herausgekommen ist.
Die Tri-Bühne hat den Text ausgewählt für ihre erste Premiere im neuen Domizil, dem Theaterhaus auf dem Pragsattel. Die Intendantin Edith Koerber hat inszeniert - und sie tut es wie immer mit viel Sinn für Atmosphäre und stimmungsvolle Momente…
Kressmann Taylor führt vor, wie leicht der Schritt vom Pazifisten zum Nazi gewesen sein muss. Ein beeindruckender Text, der das politische Klima, die wirtschaftliche Lage, die Situation des Individuums präzise benennt und seine Spannung aus der Entwicklung der Ereignisse bezieht. Die tri-bühne hat mit Talent und Lust den Prosatext auf die Bühne gebracht…”
Emotionales Erlebnis
„Auf der Bühne präsentiert sich eine mit wenigen Requisiten auskommende Szenerie: An einer langen Tafel sitzt Martin, ihm gegenüber Max. Hier Deutschland, dort Amerika. Ein Kalender notiert den Lauf der Zeit. Hinter einem Gaze-Vorhang spielt Elsa (Julia Bardosch), die Frau Martins, Cello, begleitet harmonisch die freundschaftlichen Briefe und intoniert die späteren Misstöne.
So entspinnt sich die Geschichte einer Freundschaft auf Distanz; Kressmann Taylors Roman und Koerbers Inszenierung zeigen ihre prägnanten Stationen. Brief um Brief, vom Absender in freier Rede rezitiert, vom Empfänger mimisch und gestisch kommentiert, wird die Freundschaft zur Tragödie - und zum Spiegel einer maroden Gesellschaft. Martin verleugnet Max und eignet sich Hitlers Rassenideologie an.
Die letzten Szenen erschüttern. Angst, Rache, Verzweiflung kulminieren - von den Akteuren hautnah ins Publikum transportiert. Koerbers Inszenierung ist ein emotionales Erlebnis. Sie beschränkt sich aufs Wesentliche, lässt Raum zum Denken und gibt uns Zeit, in die Welt von Max und Martin einzutauchen…”
Keine Sekunde langweilig
„Vernissage-Geplapper auf der Bühne. Es werden Häppchen gereicht, Musik gespielt… Gut 10 Minuten dauert das lockere Spiel, ehe sich die Zuschauer endlich auf ihre Plätze begeben dürfen. Ein witziger, ein unkonventioneller und ein cleverer Einstieg in ein Stück, das noch so viel Dramatik und Intensität entwickeln wird…
Wider die Anpassung schreit dieses Stück, das auf ein kleines, wunderbares Büchlein von Kathrine Kressmann Taylor zurückgeht. 1938 in New York mit großem Erfolg erschienen - eine Geschichte in 18 Briefen und einem Telegramm, eine Geschichte, die von der Illusion einer Freundschaft erzählt, von Opportunismus und Feigheit. Ekelhaft und doch so furchtbar simpel. Eine Stunde und 20 Minuten dauert der Briefdialog auf der Bühne. Keine Sekunde davon ist langweilig.”
