Kritiken
Leonce und Lena
Ein Lustspiel
von Georg Büchner | Regie: Edith Koerber
Prägnante, gelungene Inszenierung
„Die Inszenierung von tri-bühne-Hausherrin Koerber greift … die Idee des absurden Lustspiels von Büchner kongenial auf. Denn ‚Leonce und Lena’ ist alles andere als eine gewöhnliche Komödie. Vielmehr überzeichnet der Revolutionär und politische Exilant Büchner darin die gängigen Lustspiel-Muster und schreibt eher eine Groteske.
Ausgangspunkt der ironischen Verwicklungen ist die Langeweile des Prinzen Leonce. Der kauert vor Beginn der eigentlichen Handlung am Bühnenrand und starrt die hereinströmenden Zuschauer an. Doch auch dabei findet er keine Abwechslung, also muss schnell eine Hängematte her, in der er geräuschhaftes Dauer-Ausatmen übt und sein Lebensmotto auf den Punkt bringt: ‚entsetzlicher Müßiggang’.
Also starrt er die Zuschauer durch ein Opernglas an, zerstreut sich mit Tiergeräuschen und melancholischen Liedern und beschließt dann mit seinem handfesten Diener Valerio, dass es Zeit für eine Lebensänderung ist. Dieser Valerio ist ein hemdsärmeliger Schelm im Flickenkostüm (Kostüme: Renáta Balogh), und Cornelius Nieden bringt dessen Wortspiele und Bodenständigkeit, gepaart mit einer ordentlichen Portion Schalk, grandios auf die Bühne.
Also lassen die beiden das langweilige Heimatland hinter sich, in dem ein steif-blasierter König (Folkert Milster) und seine würdevoll-lächerlichen Hofschranzen (Rainer Suter, Sebastian Huber, Florian Dehmel) in Posen erstarrt sind, und so hilft nur noch die Flucht nach Italien, was mit dem schrammelnden Schlager ‚Azzurro’ begleitet wird (Musik: Sebastian Huber). Dort findet dieser Leonce sein Pendant in Lena, die sich mit dem weißen Brautkleid und dem Kranz im Haar keineswegs anfreunden kann. So bleibt der Prinzessin, die jemanden heiraten soll, den sie gar nicht kennt, nur die Flucht mit ihrer Gouvernante (Stefani Matkovic).
Für die erste Begegnung der beiden Verlobten, die sich nicht kennen, hat Edith Koerber eine hübsche Traumsequenz mit wechselseitigen Avancen und einem augenöffnenden Kuss inszeniert, was bei Leonce einen Krampfanfall und Selbstmordgedanken auslöst …
Überhaupt bietet Michalski in der Titelrolle ein bestechendes Porträt dieses ebenso sympathischen wie gelangweilten Prinzen. Das Mienenspiel Michalskis macht in jeder Szene die emotionale Verfassung der Figur deutlich. Besonders gelungen sind die ‚Marionetten’-Szenen, wenn am Ende er und seine Braut maskiert hereinstaksen, angekündigt von fröhlicher Drehorgelmusik und der sonoren Jahrmarktstimme Valerios.
Hier findet die groteske Komödie von Georg Büchner ebenso ihren Höhepunkt wie die prägnante und gelungene Inszenierung von Edith Koerber. Michalski und die jugendlich-romantische Cathrin Zellmer als Lena imitieren die puppenhaften Bewegungen beeindruckend und entlarven in dieser parodistischen Szene erst die weltfremde und auch menschenverachtende Attitüde des Königs – und dann sich: Da kann sich der königliche Vater nur noch den cäsarartigen goldenen Lorbeerkranz vom Kopf nehmen und abdanken.”
Geglückt
„Der Garten des Schlosses ist nur eine kleine Pflanzenattrappe – die von Edith Koerber gestaltete Bühne gibt sich sehr karg. So wird in der Inszenierung ‚Leonce und Lena’ von Anfang an deutlich, dass die Welt, in der die Figuren des Stücks leben, fragmentarisch und dem Schein verhaftet ist – schlechte Voraussetzungen für die Umsetzung romantischer Ideale, wie sie der gelangweilte Königssohn Leonce allem besseren Wissen zum Trotz immer noch hegt …
Edith Koerber betont in ihrer geglückten Inszenierung vor allem das Gefühl von Fremdbestimmung, das für fast alle Figuren der Komödie prägend ist. Die ausgezeichneten Darsteller der tri-bühne verfallen immer wieder in die eckigen Bewegungen von Robotern, Leonces Mätresse Rosetta vollführt ihren Tanz wie eine Gliederpuppe und wird schließlich, gleichsam als Requisit, von der Bühne getragen. Valerio ist die einzige Ausnahme unter den sonst durchgehend unter Identitätsproblemen leidenden Figuren: Cornelius Nieden verkörpert ihn im Landstreicherhabitus wunderbar als verschmitzten Hallodri, der nur auf seinen Vorteil bedacht ist, zugleich aber auch von einem anarchischen Geist durchweht wird. Und so ergibt es durchaus Sinn, wenn Valerio am Ende nicht nur die Utopie eines Staats verkündet, in dem Arbeit unter Strafe gestellt ist, sondern auch noch Flugblätter auf die Bühne wirft, auf denen die modernisierte Version von Büchners Kampfschrift ‚Der Hessische Landbote’ abgedruckt ist.”
Humor reibt sich an Albtraum
„Am Ende ahnt das freundlich gestimmte Premierenpublikum in der ausverkauften tri-bühne, wie es weitergehen wird im Reiche der Popos und Pipis: mit Politiverdrossenheit und Langeweile.
Schon zu Beginn hat sich eine lebensmüde Hoheit in der Hängematte geräkelt. Ein Beau könnte der schlanke Mann mit dem hübschen Gesicht sein mit seiner Fähigkeit, den Sinn des Seins verbal zu tranchieren. Aber nicht einmal sein Hemd kann er richtig anziehen. Marcus Michalski ist der larmoyante Traumprinz Leonce von Popo, ein sympathischer Mittler theatraler Sezierkunst.
Die Staatsräson … lässt ihn und seinen virtuosen Gegenspieler Valerio (Cornelius Nieden) ins Wunderland Italien flüchten. Die Dynamik, die Georg Büchners Protagonisten quer über die Bühne bis in die Zuschauerreihen treibt, liegt in der permanenten Reibung von Humor und Albtraum …
Überhaupt ersetzt Edith Koerber in ihrem ‚armen Theater’, wie sie es nennt, Bühnenästhetik durch Regieeinfälle und einen Zauberer an Synthesizer und Percussion (Sebastian Huber). Handgemalte Schilder … künden vom Szenenwechsel, Falltüren im Boden eröffnen eine weitere Dimension …”
