Kritiken
Avatare - ein Chat-Oratorium
von László Bagossy und dem Ensemble | Regie: László Bagossy
Das Absurde im Zeitgenössischen
„Ein Chat-Oratorium nennt es der ungarische Theatermacher, und tatsächlich ist das, was Bagossy in ähnlicher Form und mit einem anderen Ensemble bereits in Budapest auf die Bühne brachte, eine Art Oratorium: Die Verdichtung und konzertante Aufführung von Texten, wie sie alltäglich durchs Internet schwirren. Auch in seiner Stuttgarter Version hat Bagossy ‚Avatare’ aus ausgiebigen Surf-Exkursionen im Netz und anschließenden Improvisationen mit dem Ensemble destilliert…
In insgesamt 19 Bildern gruppieren sie sich in immer wieder neuen Anordnungen auf dem Publikum wie ein Spiegel gegenübergestellten Stuhlreihen. Sie sitzen in Alltagskleidung da, die Hände halb meditativ, halb stabilisierend auf die Knie gelegt, den Blick starr geradeaus gerichtet. So sagen sie ihre Sätze und sprechen doch nie wirklich miteinander.
Doch im Gegensatz zum Chatroom-Nonsens führt die montierte multiple Simultankommunikation auf der Bühne zu einem grotesken Textpuzzle, das virtuos mit Referenzen und Mehrdeutigkeiten spielt. Effektvoll auch, wenn hinter englischen Grußfloskeln, Computerbefehlen und weltläufig dahingestreutem Fachwissen der ‚Avatare’ - so heißen die künstlichen Existenzen, die sich Internetnutzer in der Anonymität schaffen - unsichere, einsame Menschen hervorscheinen, keine ‚Götter in Menschengestalt’, was das Wort aus dem Sanskrit ursprünglich bedeutet. Gleichzeitig lenkt eine Fülle origineller Umsetzungsideen den Blick aufs Absurde im Zeitgenössischen.”
