Kritiken

Der Turmbau zu Babel und andere Gemeinheiten
Eine Collage von Géza Révay
Regie: Edith Koerber

Abgründe poetisch aufgefangen

„Die tri-bühne hat ihre alten Räumlichkeiten im Tagblatt-Turm-Areal neu renoviert wieder. Um das gebührend zu feiern, werden diese in der neuen Produktion an allen Ecken und Enden bespielt.

Kaum ist die Eintrittskarte abgerissen, geht es los. Verteilt auf die beiden Nebenräume und die Hauptbühne, agieren Schauspieler in fantasievollen Kostümen und verschiedensten Erregungszuständen. Sie alle haben ein Anliegen und suchen den unmittelbaren Kontakt zum Publikum. Allein, was sie sagen wollen, bleibt weit gehend unverständlich…

‚Der Turmbau zu Babel und andere Gemeinheiten’ heißt denn folgerichtig dieser Theaterabend, eine szenische Collage von Géza Révay. Doch bevor dieser richtig beginnt, wartet die tri-bühne mit einem weiteren Superlativ auf: Mit viel Aufwand wird eine Mumie aus den Bühnenkatakomben nach oben geschaffen, die sich schnell als höchst lebendig und redselig entpuppt: Lucy heißt sie und behauptet, erstaunliche 3,75 Millionen Jahre alt zu sein.

Eine ideale Zeitzeugin also, wenn es um die Wiedergabe alttestamentarischer Vorgänge geht, und so ist Edith Koerber, tri-bühne-Leiterin und Regisseurin dieser Produktion, als Lucy die ideale Moderatorin des Abends. Was folgt, sind überlieferte Bilder menschlicher Niedertracht: Die Beschreibung von Sodom und Gomorra, die Geschichte von Herrn und Frau Lot und deren Töchtern, Astartes Rache und die Erfindung des Geldes… Schauriges folgt Tröstlichem, Abgründe werden poetisch aufgefangen.”

Poetisch, erschütternd, komisch

„Am Ende schwingen die Akteure im Alltagsgewand heiter und gelöst auf primitiven Schaukeln, schlagen mit Klöppeln gegen kleine Glocken: ein Bild der Versöhnlichkeit, des Vertrauens in die Zukunft und in die Möglichkeit der Verständigung. Vorausgegangen waren Szenen der Gewalt und des Schreckens. Stofflich greifen sie weit zurück, ins Alte Testament. Thematisch aber könnten sie gegenwärtiger nicht sein. Sodom und Gomorrha liegen in Afghanistan und im Irak, wenn es auch nicht der Herr ist, der dort Schwefel und Feuer regnen lässt.

Die Tri-Bühne eröffnet ihr neues altes Haus mit einer Szenenmontage ihres Hausautors Géza Révay und beansprucht damit zweierlei: Einmischung in die politische Realität und Nutzung diverser Möglichkeiten des Theaters. Genauer: die Darstellung der Gegenwart mit theatralischen Mitteln, die nun einmal andere sind als die des Journalismus oder des Buches. Dabei hebt es an wie im Buch. Die Leiterin des Theaters und Regisseurin des Abends, Edith Koerber, entsteigt als Lucy einem Grab, um zu erzählen und vorzulesen, was seit Jahrtausenden die Menschheit umtreibt …

Lucys Vortrag geht bruchlos über in Spielszenen, in kabarettistische Einlagen, in Puppenspiel, in Theater also. Masken, Musik, Geräusche werden eingesetzt. Das ästhetische Prinzip der Inszenierung ist Eklektizismus. Da wächst zusammen, was nicht zusammengehört, eine Gegenbewegung zur Sprachenverwirrung von Babel, die auseinander trieb, was zusammengehören wollte. Verschiedenartig wie die theatralischen Mittel sind die Stimmungswerte dieser Inszenierung. Sie ist poetisch und informativ, naiv und beredt, erschütternd und komisch. Komik erwächst in bewährter Manier aus der Annäherung kanonisierter Stoffe an heutige Erfahrungen, aus der Vermengung hohen Stils mit Alltagssprache …”