Kritiken

Gäste
von Oliver Bukowski | Regie: Gábor Zsámbéki

Souverän

„Zsámbéki ist ein sorgfältiger Regisseur, der sich für kleine Momente viel Zeit lässt, der Sätze dehnt, um deren ambivalenten Gehalt aufzudecken, der die Spannung souverän über Minuten hinweg halten kann.”

Großartig

„Ein ehemaliger Saustall war’s, ein Schmuckstück von Hotel haben sie draus gemacht. Dafür haben sich Er (Erich) und Sie (Kathrin), ein junges Paar, verschuldet und abgeschuftet.

Denn in diesem durch Rezession verödeten Landstrich eine Existenz zu gründen, bedeutet Krieg. Doch über diesem Krieg vergessen die beiden ihre Liebe. ‚Gäste’ heißt die ebenso bissige wie sprachgewaltige Farce von Oliver Bukowski…

Gábor Zsámbéki, der ungarische Meisterregisseur, entwickelte für die tri-bühne ein bildkräftiges Ballett der Entwürdigung.

Wo der Existenzkampf tobt, ist kein Platz fürs Feine. Wer hier lebt und sich nicht die Gedanken und Gefühle des Grobmotorikers zulegt, geht unter. Gábor Zsámbéki findet dafür streng choreografierte Bilder der Zwangsläufigkeit… Ungehobelt im wahrsten Sinn auch Csörsz Khells prächtige Multifunktionsbühne: Decke, Boden und die mobilen Wandelemente eine Ausgeburt enthemmten Heimwerker-Furors mit unbehandelten Brettern aus dem Baumarkt…

Wilhelm Schneck zeichnet den Junghotelier als erfolgsbesessenen Berserker der Servilität, der lieber die Schuhe des Gastes sechsmal wienert, als seiner Frau einen Blick zu schenken. Und Gunda Schanderers Kathrin, irgendwann vom Gast gar geschwängert, zerfällt zur Schlampe mit wirrem Haar. Großartig, wie genau Zsámbéki jede Figur beobachtet. Den Dorfpfarrer Lutz Mirsch (Burkhart Siedhoff) etwa, ein vom Alkohol gezeichnetes menschliches Wrack beim vergeblichen Ringen um einen letzten Rest Menschenwürde. Oder Zülfiye Arslans Edith, geistig behindert, doch zart beseelt, dem Gast als Freiwild für seine gierigen Hände anverlobt.”

Messerscharf seziert

„Bukowski, 1999 für ‚Gäste’ mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet, hat alles andere als eine lauwarme Hommage an den sozialistischen Realismus geschrieben. Messerscharf seziert er die Seele der Menschen, die am künstlich beschleunigten Wertewandel zerbrechen. Seine Psychogramme macht sich das Ensemble der tri-bühne zu eigen: Mit der Axt in der Hand und mit Entschlossenheit im Blick will Erich (hypernervös und ehrgeizig: Wilhelm Schneck) für sich und seine Frau Kathrin eine Existenz aufbauen. Flugs wird der einstige Saustall zum Hotel umfunktioniert…

Sensibel schlägt Gunda Schanderer, die faszinierend zerbrechlich die Rolle der Kathrin spielt, schon von Beginn an Sprünge in das Porträt des scheinbar aufstrebenden Paares. Denn nicht nur Gäste, sondern auch der erhoffte Nachwuchs lässt auf sich warten. Ängste, sexuelle Gewalt und Hass zeigen Schanderer und Schneck mit so viel Konsequenz, dass ihr Spiel dem Publikum kalte Schauer über den Rücken jagt.”