Kritiken
Im Tal der singenden Hügel
Eine Annäherung
von Edith Koerber und Géza Révay | Regie: Edith Koerber
Hier stimmte einfach alles
„Bis ins Detail durchdacht, jedes Bild, jede Szene ausgefeilt. Hier stimmte einfach alles. Ob Bühnenbild, Licht, Requisite, sie waren wohl aufeinander abstimmt… In einer Aneinanderreihung von wichtigen Stationen näherten sich die Theatermacher sensibel und mit viel Gespür für die essentiellen Dinge und Aussagen ihres Lebens, die die Intendantin für diese Aufgabe begeistert haben…
Grandios war auch die Leistung aller sechs Darsteller. Angefangen mit Julia Bardosch und Folkert Milster, die in den Hauptrollen ein breites Spektrum vom Teenager mit fantastischen Träumen bis zu den gealterten und verbitterten Menschen abdecken mussten. Überzeugend war auch der dritte Fotograf im Bunde, Robert Capa gespielt von Burkhart Siedhoff, der schon zuvor dem Lehrer Richard Dürer seine Gestalt lieh, den man kaum glaubwürdiger hätte spielen können. Dies trifft auch auf Günther Seywirth als Pfarrer Kilian und Christoph Leszczynski in vielen kleinen Rollen zu.
Es war Theater wie man es sich als Zuschauer wünscht: spannend vom ersten Augenblick an, vielschichtig, mit Inhalt und Hintergrund… Großer Applaus!”
Dichtes Porträt
„Edith Koerber und Géza Révay zeichnen das dichte Porträt der Flucht zweier junger Menschen aus kleinbürgerlicher Enge vor dem Hintergrund eines vom Kaiserreich vererbten lähmenden Gemenges aus patriarchaler Erstarrung und aufkeimendem Faschismus Marke Drittes Reich.
Das Stück entstand im Auftrag der Stadt Fellbach, denn von hier stammten Johanna Mieth, von Kind auf Hansel genannt, und Otto Hagel, ihr Jugendfreund. Ärztin hatte sie werden wollen, er Komponist. Doch dann trieb es die beiden in den Dreißigern über den Großen Teich. Sie hungerten sich mit Hilfsjobs durch die USA, begannen dort mit der Kamera Arbeitslosigkeit, Armut und Unrecht zu dokumentieren. Und machten mit ihren kritischen Fotoreportagen bei Magazinen wie ‚Life’ und ‚Time’ Karriere.
Mit eindringlichen Schnappschüssen, filmähnlich geschnitten, verfolgt Edith Koerbers Inszenierung die bedingungslose Suche der beiden Schwaben nach Wahrheit. Nach ihr, so zeigen Julia Bardosch als Hansel Mieth und Folkert Milsters Otto Hagel eindringlich, verzehren sie sich wie nach einer Droge…”
Raffiniert
„Das Schicksal zweier Rebellen im Spiegel der Geschichte, der deutschen und im Speziellen der Fellbacher Geschichte. Gut kommen beide nicht weg, aber die tri-bühne trägt die kritischen Untertöne so charmant vor, dass man sie ertragen kann. In perfekt ineinander greifenden Szenen wechselt das fünfköpfige Ensemble raffiniert die Rollen in der Rahmenhandlung: eine Theatergruppe will ein Stück über das Fotografenpaar einstudieren, begleitet von Dietrich Lutz am Klavier. Burkhart Siedhoff ist ein reformbegeisterter Lehrer, der an den Dickköpfen Fellbachs scheitert, später spielt er den schmierigen und zugleich verzweifelt-liebenswerten Fotografen Robert Capa. Bestechend auch Günther Seywirth als schwäbischer Pfarrer und Christoph Leszcynski, der als Pole einen Polen spielt.
Julia Bardosch ist Hansel, Folkert Milster Otto: ein überzeugendes Paar in diesem gut erzählten Stationendrama.”
Große Intensität
„Als Wanderarbeiter müssen sie sich zuerst verdingen, um über die Runden zu kommen. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten haben Hansel Mieth und Otto Hagel - gespielt von Julia Bardosch und Folkert Milster - einen schweren Start.
Immer wieder schaffen es die Schauspieler, Momente großer Intensität zu erzeugen, einen in den Bann zu ziehen, wenn sie zeigen, wie konsequent Hansel Mieth und Otto Hagel ihre Ideale trotzdem zu leben versuchen. Auch als sie einige Jahre später als gefragte Fotografen in New York leben…
Das Stück von Géza Révay wird immer wieder aufgebrochen: Die Schauspieler kommentieren die Szenen, zum Beispiel wenn sie die Bühne umbauen. Witzige Einlagen im Sprechgesang in bester Rapmanier lockern auf… Ausgezeichnet die Schauspieler - die meisten der Rollen sind ihnen wie auf den Leib geschrieben…”
