Kritiken

Kleist: Das Erdbeben in Chili
Dramatisierung von Géza Révay nach einer Novelle von Heinrich von Kleist
Regie: Edith Koerber

Tanz auf dem Vulkan

„Hauchzarte, romantische Liebesbande wählt Edith Koerber, die Prinzipalin der tri-bühne, als Einstieg für ihre spannende Inszenierung. Der Musiklehrer Jeronimo (Dietrich Lutz) und das Töchterlein aus reichem Hause (sehr zerbrechlich: Gunda Schanderer) musizieren gemeinsam mit Cello und Spinett - eine Liebe, die in der streng nach Ständen getrennten Gesellschaft des 17. Jahrhunderts nicht sein darf. Blicke treffen sich, zärtliche Gesten verraten die Wahrheit. Weil die Gesellschaft diese nicht erfahren soll, wird das amourös entflammte Töchterlein ins Kloster gesteckt. Aber auch in der strengen Nonnentracht finden sie und ihr Geliebter Wege, das Feuer ihrer Leidenschaft zu leben…

Mit großer Sensibilität lässt sich Edith Koerber ein auf die fragmentarischen Sprach- und Handlungsstrukturen, die den Reiz der Kleistschen Texte bis heute ausmachen…

Meisterhaft erfassen die vier Hauptdarsteller die Gratwanderung zwischen Wachen und Träumen. Sie tanzen auf einem Vulkan, der mit dem Erdbeben ausbricht. Und plötzlich sind alle Menschen, die das strenge Regiment der Kirche vorher trennte, eins in der schrecklichen Not. Zart keimt die Hoffnung, dass alles wieder gut werden kann, in der kleinen Schicksalsgemeinschaft. Doch es kommt anders… „

Seelenräume

„Die Aufführung bietet optisch und vor allem akustisch manch Bemerkenswertes. Ein Augenschmaus die historischen Kostüme von Györgyi Szakács. Und Regisseurin Koerber (mit Stephen Crane entwarf sie auch die ausweglos schwarze Leere der Bühne) gelingt es einmal mehr, mit Licht Seelenräume zwischen Gefühlskälte und liebender Hingabe zu schaffen.

Ebenso reizvoll Géza Révays Einfall, den Hauslehrer Jeronimo in einen Musiklehrer zu verwandeln. Dargestellt wird er von Dietrich Lutz…, der wie üblich auch für diese Aufführung die Musik komponierte. Kein einziges hörbares Wort spricht Lutz, äußert sich nur mit seinen schillernden Klanggebilden aus kirchlichem Orgelbombast, swingenden Barocktönen, Panflötensüße und südamerikanischer Rhythmik. Teils aus dem Off, teils begleitet er Josephe (Gunda Schanderer) live auf dem Cembalo beim Cellospiel - die Musik als Sprache der Liebe Kontrapunkt zu Engherzigkeit und Fanatismus.”