Kritiken
Der Menschenfeind
von Molière | Regie: Renate Klett
Starke Ensemblearbeit
„Wer der Festivalmacherin, Regisseurin, Dramaturgin und Theaterkritikerin Renate Klett einmal begegnet ist, der ahnt, dass es zwischen der streitbaren Theaterfrau und Molières ‚Menschenfeind’ eine geheime Verbindung geben muss. Schließlich haben beide eine ähnliche Position in der Gesellschaft. Sie beobachten Menschen, die ihre Eitelkeiten zur Schau stellen, setzen sich mit ihnen auseinander und: Sie tragen ihr Herz auf der Zunge. In der Stuttgarter tri-bühne hat Renate Klett nun den ‚Menschenfeind’ inszeniert. Und wer anfangs noch Zweifel hatte, ob das wohl gutgehen kann, wurde in der gleichermaßen spritzigen wie differenziert gearbeiteten Aufführung eines Besseren belehrt…
Eine Liebe, eine Gesellschaft im permanenten Schlingerkurs. Und keiner hat den Mut, das Tempo zu drosseln oder gar auszusteigen. So lässt sich bei allem Komödiantentum, mit dem das tri-bühne-Ensemble aufwartet, auch immer ein Fünkchen Tragik entdecken…
Das Publikum ging begeistert mit und honorierte die starke Ensemblearbeit mit lang anhaltendem Applaus.”
Entlarvend
„Als hätten die Programmplaner der tri-bühne geahnt, dass das Land von einem Politskandal riesigen Ausmaßes heimgesucht würde, dessen Protagonisten, als Biedermänner und kompromisslose Kämpfer für Law and Order getarnt, einst ein Geldwäschegesetz verabschiedeten und nun reihenweise im Sumpf einer beispiellosen Parteispendenaffäre versinken – einen besseren Zeitpunkt, Molières ‚Menschenfeind’ aufzuführen, kann es wahrlich nicht geben…
Renate Klett entlarvt in ihrer stringenten Inszenierung die Oberflächlichkeit und den Opportunismus dieser Spaßgesellschaft bis zur Kenntlichkeit, rechnet aber auch mit dem Fundamentalismus der Titelfigur ab. Wilhelm Schnecks Alceste verströmt in seinem Knitterlook eine unerträglich pathologische Selbstgerechtigkeit. Masochistisch giert er nach jeder Gelegenheit, seinen Mitmenschen ihre Fehlbarkeit nachzuweisen, hat andererseits aber keine Hemmungen, sie für seine Zwecke zu mißbrauchen. Ein gnadenloser Prinzipienreiter – ständig unter Hochdruck, ein Pharisäer auf der Jagd nach geistig-moralischen Unzulänglichkeiten.”
Feuerwerk
„Molières ‚Menschenfeind’ ist Komödie und Tragödie zugleich. Pointiert in den Dialogen, bitter in der Botschaft. Er skizzierte das gesellschaftliche Leben im Paris der Ära Ludwig des XIV., das passgerecht auch unsere Zeit trifft, weshalb Klett den Stoff in ein Loft unserer Tage verlegt hat. Leichtes Pläsier und hohle Phrasen, Lügen, Laster, Lästereien…
Klett konzentriert sich auf das Komödiantische des Textes, den sie ankurbelt und in Hochgeschwindigkeit abspult. Ihre Inszenierung ist prall gefüllt mit einem Feuerwerk an Ideen und Regieeinfällen…”
Wie im Transrapid
„In Molières Sittengemälden ist der Menschenfeind Alceste derjenige, der immer die Wahrheit sagt. Und das ist bekanntlich unerträglich. In der tri-bühne wurde daraus eine Aufführung wie im Transrapid. Fünf Akte oder 22 Szenen in virtuosem Galopp durch eine Small-Talk-Gesellschaft der Kulturschickeria. Ihre Modefarben sind schwarz oder grauchangierend. Man trifft sich im Ambiente aus Ziegel, Glas und rostigen Rohren wie im Yuppie-Schick der Hamburger Speicherstadt. Alceste blättert in art, um in zu sein, doch gleich mit dem ersten Satz pestet er seinen Freund Philinte an, und so geht es Schlag auf Schlag auf die Damen und Herren von der kultivierten Arroganz.
So wie Klett das spielen lässt, explodieren die Witze wie Knallfrösche, die Pointen kommen wie aus Pistolen, das Gift sitzt hochdosiert in Pralinen, die sich die besten Feindinnen Célimène und Arsinoë (Kathrin Hildebrand und Dorothea Baltzer) in einer der brillantesten Szenen des Abends in den Rachen stopfen.
Menschenfeind Wilhelm Schneck kotzt das alles an. Vom Outfit her passt er gut dazu, aber das Übermaß an Hohlheit und Gemeinheit hat ihn längst in Wut und Verzweiflung getrieben. Anfangs ein zorniger Missionar, ein verbissen Liebender auch, am Ende reif für die Insel; Wüste, meint er, wäre noch besser. Wir können’s ihm nachfühlen! – so glänzend abstoßend hat Klett diese gelackte Lügenparty arrangiert. Sonderapplaus für Robert Atzlinger als eitlen Dichterling Oronte, der sein dümmliches Sonett so nett genial auf Grund setzt. Und viel Beifall für einen zungenbrecherischen Salto Molière, den Renate Klett ganz im artistischen Stil des Hauses tri-bühne geschafft hat.”
