Kritiken
Philotas
von Gotthold Ephraim Lessing | Regie: Edith Koerber
Sinnklare, witzige Demontage
„Philotas ist tatsächlich ganz nahe dran. Denn Marcus Michalski zeigt ledergewandet nicht irgendeinen Wortarienhelden aus irgendeinem Theaterkabinettskrieg des 18. Jahrhunderts, sondern ein höchst gegenwärtiges Porträt des jungen Mannes als selbstmörderischer Wichtigtuer. Plötzlich ist die Figur keine rhetorische Maschine mehr, schlagartig blitzen in der behutsam modernisierten Sprache alle Adoleszenzkrisen dieser Welt auf. Michalskis Philotas zieht wie masturbierend den Finger über Schwertes Scheide, wirft sich zu Boden wie ein greinendes Balg, kann sein eigenes Blut nicht sehen und stürzt sich jubelnd verblendet in den Tod. Er dreht gewaltig auf und klärt die Rolle bedachtsam ab: In diesem Philotas ist der lächerliche Held des jugendlichen Alltags zur Kenntlichkeit verzerrt. Im Ausnahmezustand schimmert der Normalfall, im Gernegroß meldet sich der Kindskopf. Philotas ist der Führerscheinanfänger, der mit 180 gegen den Baum rast; der Pop-Star vor dem ultimativen Kick; der eitle Narziß und träumende Bewohner einer Scheinwelt. Die große Klappe macht ihn unsympathisch, das kleine Ungeschick lachhaft.
Es gibt in der Tat viel zu lachen in Edith Koerbers furioser Inszenierung. Wie sie und ihr Hauptdarsteller das unreife Pathos an Csörsz Khells tri-bühnen-Zeltwand spielen, entfesselt alle Komik im Trauerspiel: Es ist die gezielte, sinnklare, witzige Demontage eines ganz normalen Angebers.”
Mit Lachen die Wahrheit sagen
„Edith Koerber, die Lessings Skizze in der tri-bühne inszeniert hat, nimmt scheinbar die Position derer ein, die den Philotas, sehr zu seinem Missbehagen, noch immer nicht anders denn als Kind sehen mögen. Sie lässt auch Marcus Michalski das trotzige Kind mimen: Dieses schmollt mehr über seine schnelle Kampfunfähigkeit, als dass es von der Wut eines beleidigten Helden geschüttelt wäre. Es beklagt die Harmlosigkeit einer Wunde, die nicht zum Tode führt und derer man sich eher schämen muss, als dass man stolz auf sie sein dürfte. Es räkelt sich auf seinem Lager und gibt sich fast wohlig den Träumen einer dahingegangenen Größe hin. Es begegnet dem feindlichen König, der ihm die Freiheit verkündet, mit unreifer Verachtung, in dem es bei einem so friedwilligen Fürsten gleichwohl nicht viel riskiert. Philotas ist so charmant wie entzückt vom Gedanken, sich für das Vaterland zu opfern, so begeistert von seinem Heldentum wie von sich selbst. Edith Koerber inszeniert die Komödie des Narziss, und Michalski spielt diese bis in die tänzerische Akrobatik seiner selbstverliebten Gesten hinein perfekt.
Dieser Philotas soll nicht ahnen, wohin ihn seine Schwärmerei führt - und das Publikum täuscht sich bis zum letzten Augenblick des Stückes so gut wie er. Wie ernst er die Überlegung nimmt… lässt die Regisseurin vorläufig niemanden ahnen. Sie hält ihre Zuschauer bei so guter Laune wie ihren Helden, indem sie diesen Tollpatsch in immer ideellere Höhen emporklimmen lässt und indem sie ihn zugleich dem Zuschauer immer unglaubwürdiger und damit komischer werden lässt.
Dieses hinterhältige Arrangement macht die Idee der Vaterlandsliebe und die Kriegsbegeisterung erst einmal so recht lächerlich, um dann in Philotas’ freiwilligem Tod die katastrophalen Folgen solcher Glaubensinhalte aufscheinen zu lassen. Heldentum ist nichts weniger als ein notwendiges Opfer, es ist nur der selbstverliebte Wahn eines kindlichen Gemüts. Die Inszenierung führt über die Komik zur Aufklärung, sie will ‚mit Lachen die Wahrheit sagen’.”
Wie ein Besessener
„Der Schauspieler Marcus Michalski lässt an junge Kosovo-Milizionäre denken, die ihre Jobs in Westeuropa an den Nagel hängten, ihr Erspartes einsteckten und gegen die Serben zogen: mit Tunnelblick, fanatisch und immun gegen vernünftige Argumente. Michalski gibt an der tri-bühne Lessings jugendlichen ‚Helden’ Philotas.
In schwarzlederne Kriegerausstattung gepackt, spielt er wie ein Besessener…
Die durch Umbauarbeiten entstandene Situation im Tagblatt-Turm wird genutzt, um das Publikum vor Veranstaltungsbeginn durch eine Schutt- und Trümmerlandschaft zu schleusen, und die Klagelieder von Zülfiye Arslan, Tatjana Bogucz und Gabriele Oppold sind gleichermaßen anrührend und passend…
Gotthold Ephraim Lessing, der aufrichtigste und weitsichtigste Dichter unter den deutschen Aufklärern, wurde oft gründlich missverstanden. Heute begreifen wir es kaum, dass sein 1759 verfasstes Trauerspiel anders verstanden werden konnte, denn als leidenschaftliche Stellungnahme gegen blind-naive Heldenverehrung…
Indem die von Philotas verkörperte eitle Unvernunft über den Verstand triumphiert, eliminiert sich das antiaufklärerische Element selbst. Den Überlebenden bleibt die Verantwortung, etwas Vernünftiges damit anzufangen – vor allem zu verhindern, dass diese Tat zum Maßstab wird.
Dies macht Edith Koerbers Inszenierung deutlich…”
Glücksgriffe
„Wie entsteht ‚Heldentum’? Was steckt dahinter? Und wie muß der Mensch beschaffen sein, der unbedingt zum ‚Held’ werden will?
In der Stuttgarter tri-bühne hat Theaterchefin Edith Koerber Lessings frühes Antikriegsstück vom analytisch-klugen Kopf auf heutige Füße gestellt. Ihr Philotas (beängstigend präsent: Marcus Michalski) ist ein Kind unserer Zeit. Getrieben von der Macht einer Sprache, die das Denken vorantreibt und von einer Ungeduld, die das eigene Ende nicht erwarten kann, entleibt er sich schließlich selbst.
Ein Selbstmordattentäter, ein Verblendeter, ein Dummkopf, dem der Eifer keine Zeit läßt. Sie aber scheint das einzige Mittel zu sein, einen Überblick zu gewinnen und Herr der eigenen Emotionen zu werden. Der Makedonier Jusuf Gulevski und der Russe Alexej Boris besitzen genau die Ausstrahlung, die dem agilen Michalski bei seiner beeindruckenden Darstellung abgehen muß: Gesichter, die die Zeit gereift hat; Männer, die das Leben bereits kennen. Mit ihnen und der Idee, Philotas’ ‚Gegner’ fremdsprachig zu besetzen, ist der Inszenierung ein weiterer Glücksgriff gelungen.”
