Kritiken

Shopping und Fucking
von Mark Ravenhill | Regie: Edith Koerber

Geschichten, die stimmen

„Die erste Regel beim Dealen lautet: ‚Er, der da verkauft, soll es selber nicht nehmen.’ Dies ist ein Kernsatz aus dem Stück ‚Shopping and Fucking’. Es spielt unter Leuten, die abhängig sind vom ‚es’, von der Sache, mit der sie dealen. Vor allem sind sie von der Liebe abhängig…

Eine Geschichte aus grausigen Schlagzeilen. In England wurde ‚Shopping and Fucking’ zum Erfolg, ‚Theater heute’ hat es nachgedruckt, und das ist immer ein Signal, daß viele deutsche Theater es bald spielen werden. Die Stuttgarter tri-bühne ist das zweite Haus, das ‚Shopping and Fucking’ in Deutschland auf die Bühne bringt…

Ravenhill tut alles, um Aufsehen zu erregen über Theaterkreise hinaus… Er läßt den klugen Junkie Mark (sehenswert: Robert Atzlinger) zum Mörder am Stricher Gary (Jammer und Härte im Augenblickswechsel; eine Entdeckung, ideal besetzt: Marcus Michalski) werden und in die Junkiehölle zurückfallen. Und doch, zwischen diesen Donnerschlägen und Effekten werden Geschichten erzählt, die stimmen. Sie hat Regisseurin Edith Koerber aus dem Lärm herausgehört und mit einem starken Ensemble neu erzählt. Denn das wollen Mark, Lulu, Robbie und Gary eigentlich, nach dem Sex und nach den Schlägen: Zuhören, wie ihre eigenen Geschichten erzählt werden.”

Stark erzählt

„‚Es ist nicht richtig, es ist nicht falsch, es ist ein Deal.’ Das ist eine der Regeln, um im Geschäft mit der käuflichen Liebe zu überleben. Wer die nicht beachtet, wird bestraft. Ravenhill erzählt eine berückende Geschichte von Menschen, die in ihrer Sehnsucht nach Geborgenheit, Anerkennung und Liebe diese kalten Regeln immer wieder überschreiten und daran scheitern.

Edith Koerber inszeniert die Verstrickungen als schnelle Achterbahnfahrt zwischen Tragik und Komik. Geradezu hinreißend witzig ist die Telefonsex-Szene, beklemmend die Szenen von Gewalt und Erniedrigung. Ravenhill schreckt nicht davor zurück, die Vergewaltigung eines Mannes und SM-Mord auf die Bühne zu bringen.

Die Frage von Schuld und Sühne wird mit kalter Logik vom Pornoproduzenten beantwortet. Wer ohne Schulden ist, ist ohne Schuld.

Die Geschichte ist stark erzählt und hervorragend umgesetzt.”

Für die 90er

„Ein Stück aus den 90ern für die 90er: Das packende Spiel läßt fast vergessen, daß alles nur Theater ist.”

Ein Höchstmaß an Einfühlungsvermögen

„14 harte, knappe Szenen, eine provozierende Sprache und fünf Schauspieler, denen ein Höchstmaß an Einfühlungsvermögen abverlangt wird. In der Stuttgarter tri-bühne, wo sich Edith Koerber mit großer Sensibilität dem Thema genähert hat, behalten moderate Vermittlung und subtile Töne die Oberhand…

Beschaffungskriminalität, Sucht, Prostitution. In dem Stuttgarter tri-bühne-Theater werden Begriffe mit Leben gefüllt, ‚Typen’ zu Menschen; Edith Koerber appelliert an unseren Intellekt, aber auch an unsere Leidenschaft…

Zwei intensive Stunden Theater, fünf starke Schauspieler, und genügend Zeit, sich Geschichten, unser Leben und Lebensgeschichten ein wenig bewußt zu machen.”

Allgemeingültig

„Vielleicht sind jetzt welche verärgert. Nicht, weil sie unverhofft einem Bürgerschreck zum Opfer gefallen sind, sonder weil das Stück nicht hält, was der Titel Voyeuren verspricht. Und schon gar nicht in der zurückhaltenden, ins Allgemeingültige zielenden Inszenierung Edith Koerbers.

Doch das ist gut so. Denn das Stück ist allemal intelligenter als die Figuren, die darin auftreten.”