Kritiken

Der Nesenbachkanal
Ein experimentelles Ensembleprojekt
Regie: Edith Koerber

Ganz schön schräg

„Weit entfernt… von allem was nach schierer Art pour l’Art riecht, zeigt die Truppe zum Saisonstart unterm Tagblatt-Turm, wie man mit Humor und Phantasie den beamteten Sparkommissären eine Nase dreht…

Das Ensemble improvisierte sich zur Karikatur einer Sendeanstalt, deren Programm ausschließlich in der tri-bühne zu empfangen ist. Als Arbeitsprobe für die Bewerbung als Veranstalter des neuen Ballungsraum-Kanals würde das Ergebnis allemal taugen…

Die Darsteller Lale Yanik, Achim Grauer, Wilhelm Schneck und Marcus Michalski ziehen alle reichlich vorhandenen Register. Daß es dabei ganz schön schräg zugeht, muß auch den am Premierenabend reichlich vertretenen Kulturpolitikern gefallen haben…

Wer weiß, vielleicht wird die Verlegenheitslösung für die tri-bühne noch zum Dauerbrenner!”

Furios gezappt

„Die ersten Sendungen werden vorbereitet und die Zuschauer im Stuttgarter Theater, Verzeihung, im Studio oder zu Hause vor der Glotze, sind hautnah dabei. Was in der tri-bühne folgt, ist eine flotte Nummernrevue zum Thema deutsche Wirklichkeiten, deren Rhythmus an das Fernsehverhalten angepaßt ist. Vier junge Schauspieler…, ein Kameramann und ein Musiker zappen furios durch Kochstudio, Dokumentation, Volksmusiksendung, Schlagerparade…

Edith Koerber und ihre Schauspieler bringen harte Wirklichkeiten, gesellschaftliche, politische, kulturelle, auf die Bühne, ohne sentimentaler Betroffenheit Raum zu geben…

Und schließlich orientiert man sich am Publikum, denn die Menschen lieben das Fernsehen und das Zappen. Martin Walser, der in der tri-bühne ebenfalls zitiert wird, findet dafür die treffenden Worte: ‚Manche Menschen sind derart, daß sie von sich selbst abgelenkt werden müssen.’ Wer gerne die traurige Wirklichkeit ausblendet, auch die eigene, kommt beim hintergründigen ‚Nesenbachkanal’ nicht auf seine Kosten - andere Zuschauer könnte der Sender durchaus gewinnen.”

Witzig, abgründig, hintergründig

„Der Nesenbachkanal ist ein Fernsehsender, bei dem alles den Bach runtergeht. Ob Moral oder Ästhetik, ob hehre Kategorien, die uns helfen, die Welt in oben und unten, links und rechts einzuteilen - alles wird gnadenlos verjuxt.

Regisseurin Edith Koerber will mit ihrem Stück die Urgründe des televisionären Schwachsinns beleuchten, und deshalb soll sich der Zuschauer als Studiogast fühlen, der gerade einer Aufzeichnung beiwohnt…

Das Privatfernsehen zu parodieren und damit zugleich dessen Rituale zu entlarven, ist keine leichte Aufgabe. Vor allem, weil es mittlerweile Sendungen gibt, die auf einer Metaebene ablaufen und die Talkshows durch den Kakao ziehen… Edith Koerber und ihre Schauspieler machen zum Glück nicht den Fehler, Fernsehen dadurch zu kritisieren, indem sie dessen Schwachsinn einfach nur potenzieren. Sie finden oder besser, erfinden originelle Bilder, Gesten, Situationen, die eine neue Erkenntnisdimension bereithalten…

Selten ist der televisionäre Schwachsinn so witzig, abgründig und hintergründig parodiert worden wie in der Inszenierung der tri-bühne. Endlich konnte man übers Fernsehen lachen.”