Kritiken
Der zerbrochene Krug
von Heinrich von Kleist | Regie: Gábor Zsámbéki
Handfest, abwechslungsreich, turbulent
„…In diesem Milieu inszenierte Gábor Zsámbéki handfestes, nicht nur den Text stimmlich illustrierendes, sondern auch das Bewegungsspiel nutzendes und so die Gefühlsregungen der handelnden Personen betonendes, abwechslungsreiches, manchmal schon turbulentes Theater.
Stephan Korves als Dorfrichter Adam… war ein hageres, klumpfüßiges Schlitzohr mit Halbglatze, ein schon mehr ur- als volkstümlicher, weniger dem Recht dienender als seine Macht auskostender, sündiger, aber nicht böser, vor allem aber komischer ‚Hahn auf dem Misthaufen’. Als Frau Marthe Rull pochte Hannelore Bähr unerbittlich auf ihr Recht, sie war ein energisches, zeterndes, stures Weib, mit Haaren auf den Zähnen…
Als Herr aus einer anderen Welt… brach Achim Grauer in der Rolle des distanziert-überlegenen Gerichtsrats Walter in das ländliche Geschehen ein… Günther Seywirth als Schreiber Licht war ein Verwandter des Famulus Wagner in Goethes ‚Faust’, ein ‚trockener Schleicher’…
Eine etwas exotische Erscheinung, vernünftig, bis zur Selbstaufgabe zu Kompromissen bereit, ein vor Liebe nicht blindes, sondern sehendes Mädchen war Lale Yanik als Eve. Jungenhaft, unkompliziert und ein wenig naiv gab sich Marcus Michalski als Ruprecht.”
Aufs Trefflichste bedient
„Hier, in der Amtsstube des Dorfrichters Adam (Stephan Korves) wird gemobbt und geschlampt, getuschelt und gelogen, daß sich die Balken biegen. Und das im wörtlichsten Sinn, denn Bühnenbildner Csörsz Khell hat die gesamte Registratur des Städtchens Huisum kurzerhand in den aus allen Nähten platzenden Vorratsspeicher des Dorfrichters packen lassen, wo die Akten nicht etwa bearbeitet werden, sondern in trauter Eintracht mit Braunschweiger Würsten auf bessere Zeiten warten.
Adam indes, keineswegs faul, erfreut sich an seinen Mägden…, denen er mit geübtem Griff mehr als einmal an die Wäsche geht. Ein Saustall, mit Verlaub, den erst der geschniegelte Gerichtstrat Walter (gediegen: Achim Grauer) aufräumt.
So nimmt Kleists Uraltsatire ihren Lauf, und alle Theaterfiguren werden vom Ensemble der tri-bühne aufs Trefflichste bedient…”
Lachgewitter
„Nicht nur die Literaturwissenschaft, auch das Theater hat sich daran gewöhnt, Kleist mehr als Philosophen denn als Dramatiker zu verstehen. Die metaphysische Ferne, die durch all seine Figuren hindurchscheint, macht sie auf der Bühne zu statuarischen Heiligen des tiefsinnigen Wortes. Mit dem Glauben an Ernst und Würde des dramatischen Spiels räumt Gábor Zsámbéki… durch die Inszenierung des ‚Zerbrochnen Krugs’ in der tri-bühne gründlich auf.
Ein heftiger Wind bläst, nach einem tiefen Atemholen des geschundenen und niedergeschmetterten Dorfrichtes Adam, mit dem die Aufführung beginnt, die Figuren auf die Bühne und dort durch- und umeinander. Zsámbéki verschafft dem Stück das Tempo, das zur Komödie gehört-und durchaus nicht zuungunsten Kleists. Erst die Schnelligkeit, mit der die Worte gegeneinander fechten, bringt ihre komödiantische Qualität zur Geltung…
Stephan Korves als Dorfrichter Adam ist in seinem Element… der sich, koste es, was es wolle, aus der Patsche ziehen muß. Das Teuflische, das der durch die Aufführung vertriebene Tiefsinn sonst der Figur am Schluß andichtet, hat er gar nicht. Für Zsámbéki leibt der Teufel ein Volksaberglaube, der im apokalyptischen Aktenregen von der Decke und im Lachgewitter der Zuschauer untergeht.”
Minutiös nachgezeichnet
„Amtsmißbrauch gepaart mit sexueller Nötigung und Erpressung - angesichts socher Themen ist ‚Der zerbrochene Krug’… ein nach wie vor aktuelles Stück…
Minutiös - bis hin zu Györgyi Szakács schönen Kostümen - zeichnet Regisseur Gábor Zsámbékis Inszenierung Milieu und Kolorit eines niederländischen Dorfes im 18. Jahrhundert nach. Mit kindlicher Unschuld glauben seine Bewohner an die Lauterkeit des Richters Adam (Stephan Korves), eines drahtigen, von seiner Fleischeslust getriebenen Schürzenjägers. Kein weiblicher Hintern, an dem er sich nicht brutal vergreifen würde. Und wenn der nicht zur Verfügung steht, schlingt er ersatzweise die zarte Brust einer Gans in sich hinein - und bemerkt - in den immer enger werdenden Kreisen, die Achim Grauers dandyhafter Gerichtsrat Walter um ihn zieht-nicht, wie hoffnungslos er sich im Gespinst seiner Lügen verstrickt.”
