Kritiken

Das Geschöpf
Eine Parabel
von Géza Révay | Regie: Edith Koerber

Brillante Körpersprache

„Die Attraktion der Aufführung ist die Tänzerin Birgit Keil, die hier, nach dem Ende ihrer Ballett-Karriere, in der Rolle des ‚Geschöpfs’ ihr Schauspiel-Debüt gibt… Vom ersten Moment, als sie auf dem Schrank von Richwicks Dachboden ihr scheues Gesicht hervorhuschen läßt, über die vielen furchtsamen, dann zutraulicher werdenden Kontaktversuche mit Menschen, bis zu Schmusen, Zärtlichkeit und eifersüchtiger Rivalität…, brilliert Birgit Keil mit dem Ausdrucksreichtum ihrer Körpersprache.”

Vollendet komödiantisch

„Eine Füchsin verwandelt sich am Ende einer Treibjagd zum Menschen, lernt die menschlichen Gesetze, erwirbt menschliche Fähigkeiten und - scheitert. Aus der Idee des französischen Romanciers Jean Bruller entwickelte Géza Révay sein erstes Theaterstück ‚Das Geschöpf’. Unter der Regie von Edith Koerber kam es in der Stuttgarter tri-bühne zur Uraufführung und stieß nicht nur wegen seines ungewöhnlichen Themas, sondern auch wegen einer Starbesetzung auf großes Interesse.

Birgit Keil, die einstige Primaballerina in Stuttgart, gab in der Titelrolle ihr Schauspieldebüt und überzeugte nicht weniger als Dorothea Baltzer, Edith Koerber, Achim Grauer, Günther Seywirth und Marcus Michalski…

Was ist der Mensch und wozu ist er fähig? Ist er wirklich die ‚Krone der Schöpfung’ oder rangiert er mit seiner Zerstörungsfähigkeit nicht auf der untersten Stufe der Evolution? Révay wirft elementare Fragen auf. Koerber vollendet komödiantisch arbeitende Inszenierung hingegen drosselt die abgrundtiefe Verzweiflung, die sich in ihnen offenbart.”

Frappierende Leichtigkeit

„Géza Révay… versucht in seinem anspruchsvollen Erstlingswerk ‚Das Geschöpf’ eine Bestandsaufnahme. In Form einer Parabel erzählt er die Geschichte eines Geschöpfs, das am Ende einer Treibjagd einen symbolträchtigen Entwicklungsschritt durchmißt: Eine Füchsin wird Mensch und überdies von Albert Richwick (Achim Grauer), Besitzer eines Landgutes in einer englischen Provinz, gefunden. Gehetzt, verletzt, nackt liegt die auffallend schöne Frau (Birgit Keil) im Wald…

Autor Révay spart in seiner gedankenschweren Abhandlung nicht mit Querverweisen und Symbolen. So erzählt er in einer Parallelhandlung die tragische Geschichte der jungen Dorothy (beeindruckend: Dorothea Baltzer), die als Tochter des gottesfürchtigen Reverend Sullivan (Günther Seywirth) eine gegenläufige Entwicklung durchmacht: Während Sylva in ihrem Menschwerdungsprozeß das Tal der Tränen durchläuft und sich dank einer rudimentär funktionierenden Sprache immer differenzierter mitteilen kann, verfällt Dorothy zunehmend in Apathie und betäubt ihren Schmerz über ein verpfuschtes Leben mit Drogen…

Glücklicherweise hat Edith Koerber das Regie-Ruder in die Hand genommen und mit der Welt-Ballerine Birgit Keil nicht nur eine ungemein körperlich agierende ‚Füchsin’, sondern auch eine exzellente Schauspielerin gefunden, die sich nahtlos in das hohe Niveau des tri-bühnen-Ensemble einfügt. So gewinnt der Abend trotz seines philosophischen Anspruchs zeitweise eine frappierende Leichtigkeit, die nicht zuletzt den komödiantischen Leistungen Achim Grauers, Günther Seywirths und Marcus Michalskis zu verdanken ist.”

Geglückte Mischung

„Obwohl ‚Die Autorin’, die als Erzählerin am Rande der Bühne an einem Tischchen Platz genommen hat und auch… zuweilen als Moderatorin fungiert, gleich zu Beginn zu Albert Richwick sagt: ‚Wir haben uns geeinigt, daß wir nicht philosophieren wollen’, wird in dem ganzen Stück das Gegenteil praktiziert. Géza Révay nimmt nämlich… die Geschichte von der Füchsin, die sich in eine Frau verwandelt, zum Anlaß, um über das Mensch- und Tiersein zu philosophieren. Und da fällt denn auch der Satz: ‚Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das zum Faschismus fähig ist.’…

In diesem Rahmen inszenierte Edith Koerber die Parabel als eine geglückte Mischung aus märchenhaftem und realistischem Theater… Sylva, die Füchsin als Mensch, die dem Stück den Titel ‚Das Geschöpf’ gegeben hat, verkörperte Birgit Keil.

Das sie diese Rolle spielte, das wäre zu wenig gesagt. Denn sie versetzte sich ganz in ihre Aufgabe, einerseits noch Tier zu sein, und andererseits Mensch zu werden. Das zeigte sich nicht zuletzt an dem Bewegungsvokabular, dessen sie sich bediente, wobei ihr in diesem Fall ihre Vergangenheit als Tänzerin zugute kam.

Als der sich der Füchsin annehmende Albert Richwick interpretierte Achim Grauer seine Rolle mit großem Einfühlungs- und starkem Ausdrucksvermögen. Dorothea Baltzer gefiel als in sich zerrissene Dorothy Sullivan ebenso wie Günther Seywirth als skurriler Reverend Sullivan und Marcus Michalski als jungenhafter Bancroft. Edith Koerber war ‚Die Autorin’.”

Großer Beifall

„Wenn sich ein Tanzstar schauspielerisch versucht, strömen Massen ins Theater. Nicht anders war es in Stuttgart: Birgit Keil, bis vor kurzem Ballerina Nummer eins am berühmten Ballett, stellte sich erstmals als Schauspielerin dem Votum des Publikums. Die Rolle allerdings war ihr auf den anmutigen Leib geschrieben worden: Keil war ‚Das Geschöpf’, das - erdacht von Géza Révay - im Stuttgarter Theater tri-bühne uraufgeführt wurde…

Das Geschöpf auf seinem Weg von der grunzenden, sprachlosen Kreatur zum bewußten menschlichen Dasein ist in der Tat eine ideale Rolle für Keil. Die große Dame des Tanzes erweist sich dabei als Multitalent - mit gutem Gespür für animalische Posen und beachtlichen komödiantischen Fähigkeiten. Die große Beifall des Publikums galt mit Recht aber auch den darstellerischen Leistungen der Profiakteure - vor allem Achim Grauer als Albert und Dorothea Baltzer als Dorothy.”