Kritiken

Kasimir und Karoline
Ein Volksstück mit Musik
von Ödön von Horváth | Regie: László Bagossy

Zum Staunen schöne Bilder

„Der ungarische Regisseur László Bagossy hat aus Horváths Kleinbürger-Rummelplatz-Geschichte einen schlanken und scharfen Szenensprint gemacht. Ein Pianist (Dietrich Lutz) sagt dem Publikum Nummer und Schausplatz der Szene an, es öffnet sich vorm Publikum der rote Vorhang eines schmalen Guckkastens, ungefähr im Format eines Kasperletheaters oder eines 16:4-Flachbildschirms, die Szene nimmt ihren jeweiligen Verlauf, der Vorhang geht wieder zu… Die Effekte, die sich daraus ergeben, sind ganz erstaunlich. Wir sehen Bildausschnitte einer Welt, die uns fremd und nah zugleich ist…

Der Regisseur Bagossy zeigt es leicht und locker, mal ironisch überspitzt, mal grotesk überzeichnet, mal im Tonfall der Komödie, mal mit dem Zungenschlag des Melodrams. Manches Bild ist zum Staunen schön. Und gleich das nächste wieder erschreckend bitter…

Dass das über weite Strecken so gut funktioniert, liegt in erster Linie an einem vorzüglichen Ensemble. Anuschka Herbst und Marcus Michalski spielen wunderbar dicht und genau… Beeindruckend auch der brutalöse André Scioblowski als Gauner Franz, Julianna Herzberg als dessen geschunden-erzengelhafte Freundin Erna, Robert Kerbler als oberflächlich grundguter Zuschneider Schürzinger; und ein Bühnenereignis an und für sich die schmierig-brünstig-deutschnationale Herrenpartie aus Cornelius Nieden und Max Rossmer als Speer und Rauch…

Das Publikum in der tri-bühne applaudiert zum Schluss mit Verve den beeindruckenden Schauspielern…”

Spiel mit Machtebenen

„Ausschnitte aus seltsam fernen und doch ganz bekannt erscheinenden Menschenleben sind es, die das Publikum gezeigt bekommt. Bilder, die anrühren, dann wieder abstoßen, weil das Gezeigte so hart ist und so bitter. So real.

Buchstäblich Stückwerk ist auch das, was man bisweilen von den Personen sieht: Mal erblickt man nur die Köpfe, dann nur die Beine oder Arme der Protagonisten. Diese Personenausschnitte erscheinen auf einer Ebene, dann wieder versetzt zueinander. Ein Spiel mit Machtebenen, das die Abhängigkeiten der Personen untereinander aufzeigt. ‚Zukunft ist eine Beziehungsfrage’, so benennt denn auch ein weiterer Oktoberfestbesucher, der Kommerzienrat Rauch (Max Rossmer), den roten Faden des Stücks…”

Unkonventionelle und originelle Lösung

„Auf dem Oktoberfest spielt Ödön von Horváths sozialkritisches Stück ‚Kasimir und Karoline’, nach der Weltwirtschaftskrise 1929. Allein der Ort ist für ein relativ kleines Theater wie die tri-bühne ein Wagnis. Der ungarische Gastregisseur Laszlo Bagossy hat zusammen mit seinem Bruder Levente (Bühnenbild) eine unkonventionelle und originelle Lösung gefunden. Bagossy lässt das Stück aus einem relativ kleinen Guckkasten heraus spielen, der nur den Blick auf die Akteure freigibt. Nach jeder Szene schließt sich der Vorhang…

Bagossy zerhackt zunächst einmal die Handlung… Aber je länger das Stück um den freigesetzten Chauffeur Kasimir und seine nach Höherem strebenden Braut Karoline fortschreitet, desto besser findet man sich in diese Art der Aufführung hinein…

Hier wird mittels dieser Konstellation sehr positiv Theater gemacht. Nicht nur, dass dieser Guckkasten auch als Parodie auf einen Fernsehapparat sein könnte, sondern vor allem der Zugriff auf den Text wird auf diese Art wesentlich prägnanter. Horvaths kluge Sätze wirken so noch besser – und das Überraschendste und Bemerkenswerteste dabei ist, dass trotz der oft nur sehr kurzen Szenen die Figuren ein klares Profil gewinnen….

Da sind die Karoline von Anuschka Herbst, ein nettes Bürgertöchterchen, dem die Zuneigung des fetten Kommerzienrates Rauch (Klasse: Max Rossmer) zu Kopfe steigt, da ist der Kleinkriminelle Merkl Franz (André Scioblowski) und seine Verlobte Erna (Julianna Herzberg) – alles Figuren, die prächtig gelungen sind!…”

Schlicht und dicht

„Nicht einmal drei Meter breit und kaum mehr als einen Meter hoch ist der Ausschnitt in der schwarzen Wand vor der Bühne. Knapp 60 Mal wird sich der rote Vorhang vor diesem Sehschlitz während der Vorstellung heben und dem Publikum kurze Einblicke in die Befindlichkeiten von Menschen erlauben, denen Arbeitslosigkeit und damit einhergehende wirtschaftliche Not Denken und Fühlen verrotten ließen.

Selten sieht man eine so gleichermaßen schlichte und dichte Bearbeitung des 1932 vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise entstandenen Volksstücks „Kasimir und Karoline“ wie László Bagossys Inszenierung für die tri-bühne. Mit feinem Gespür für Horváths bitterbösen Humor konzipierte der ungarische Regisseur zusammen mit seinem Bruder Levente (Bühne) szenische Schlaglichter auf die Seelenwüsten der Protagonisten. Die Bilder wirken wie akribisch zusammengesetzte Filmschnipsel aus Zeiten, als die Bilder laufen lernten…

Wie in einem Kuriositätenkabinett gruppiert Regisseur Bagossy seine Figuren auf einer Parkbank, am Biertisch oder als Zuschauer in der Abnormitätenschau zu immer neuen Skulpturen der Verlorenheit. Hoch konzentriert zeigt das 14-köpfige Ensemble wie die Horváth-Menschen auf der Flucht vor der Tristesse ihres Daseins von einer Beziehung in die nächste taumeln.

Besonders gut gelingt dies Max Rossmer in der Rolle des feisten Lüstlings Kommerzienrat Rauch oder Anuschka Herbsts hemmunslos lebenslustiger Karoline. Marcus Michalski überzeugt als arbeitsloser Chauffeur Kasimir, der sich wie ein unreifer Junge an Frauen als Strohhalme klammern muss.”

Was es zum Gutsein braucht

„… Nun hat sich die tri-bühne wieder an Horváth erinnert, und zwar an eins seiner meistgespielten Stücke: ‚Kasimir und Karoline’, kurz vor der ‚Machtergreifung’ durch die Nationalsozialisten entstanden und uraufgeführt. In seiner zweiten Fassung hat das ‚Volksstück’ 117 Szenen…

Der ungarische Regisseur László Bagossy, der an der tri-bühne „Das kunstseidene Mädchen” inszeniert hat, verdoppelt den Fragmentcharakter der Szenen visuell, und er hält diesen Einfall bis zum Ende durch. Wie auf einer Puppenbühne, die für Menschen zu klein ist, werden immer nur Ausschnitte sichtbar. Gerade das ‚Wegschneiden’ von Rändern (den Köpfen, den Beinen) lässt aber Raum für szenische Inspirationen.

‚Kasimir und Karoline’ ist hier, in dem beengten Theater im Tagblattturm, ausgesprochen komisch, aber der ernste Subtext wird keinen Augenblick preisgegeben. ‚Kasimir und Karoline’ ist wohl das am überzeugendsten gelungene Stück über die Verheerung, die Arbeitslosigkeit in Menschen anrichtet. Das Thema ist in höchstem Maße zeitgemäß. Die Regie hat gut daran getan, auf eine Aktualisierung zu verzichten. Es bedarf keiner Kleidung von Karstadt, um die Handlung aus den frühen dreißiger Jahren, der Zeit der Weltwirtschaftskrise, in unsere Gegenwart zu übertragen…

Horváth wird nun schon seit vierzig Jahren… gerne (in Brechtscher Manier!) verfremdet, und auch Bagossy folgt dieser Spur. Er setzt die Zusammenarbeit mit seinem ‚kunstseidenen Mädchen’ Anuschka Herbst fort, die als Karoline inmitten eines insgesamt eindrucksvollen Ensembles über sich hinauswächst. Dazu kommt das perfekte Timing. Bei Brecht heißt es: ‚Aber wenn der Gute etwas Geld hat / Hat er, was er doch zum Gutsein braucht.’ Darum geht es auch Horváth.”