Kritiken

Antigone
von Sophokles | Regie: Edith Koerber

Viel Beifall - Zu Recht

„Die maskierte Managerriege übt Tai Chi, um mit dem meditativen Nationalsport der Chinesen ihre wirtschaftlichen und vielleicht auch ihre kriminellen Energien zu bündeln. Die dunkelgrauen Herren stoßen sich mit ihren Bürosesseln von irgendwo ab, rollen kreuz und quer in ihnen über die Bühne, ein selbstbewusstes Business-Ballett. Und sind doch vielleicht nur von irgendeiner noch größeren Wirtschaftsmacht fremdbewegte Billardkugeln.

Hier wird - ganz Globalisierung und in Anlehnung ans so beliebte Cross Border Leasing - Wasser nach überallhin vertickt. Denn das Leitungsduo des Stuttgarter Theaters tri-bühne hat sich wie nach dem Zweiten Weltkrieg auch Bertolt Brecht die ‚Antigone’ von Sophokles in der Hölderlinübersetzung vorgenommen. Révays Textfassung und Koerbers Inszenierung des Dramas erweitern den Sophokles, den Hölderlin und den Brecht, auf den wunderbar spitzfindig auch die von ihm beim chinesischen No-Theater ausgeliehenen Masken verweisen, um jede Menge zeitgenössisches Kolorit und so etwas wie eine Zukunftsvision zu entwerfen… Das illustriert auch Stephen Cranes fengshuihaft schlichtes, graues Bühnenbild, in dem ein Weltkugelbrunnen im Hintergrund plätschert, und ein irdener Krug auf den Ursprung des Stoffs in der Antike verweist.

Wie sich im Text aus Hölderlin-Brechtschen Versatzstücken zuweilen bitterböse Antworten auf Werbe- und Management-Slogans ergeben, ist trefflich konstruiert…

Die Schauspieler beeindrucken mit Energie, perfekten Choreographien und punktgenauem Timing in den Ensembleszenen, genauso wie mit herausragenden Einzelleistungen…

Viel Beifall gab’s für eine so frische ‚Antigone’. Zu Recht. Korrupte Schlipsträger haben keine Fallhöhe und sind ergo keine tragischen Figuren. Das macht sie zu wirklich tragischen Figuren.”

Zeitlos

„Antigone ist zeitlos. Das Theater tri-bühne hat die Handlung von Sophokles’ Tragödie in eine nahe Zukunft verlegt. Die Theben-AG kontrolliert und vermarktet die Ressourcen… Die Akteure des antiken Dramas tragen die grauen Anzüge von Geschäftsleuten, wirbeln in Chefsesseln umher, feiern Triumphe…

Aufgrund der Übersetzung Friedrich Hölderlins hat Géza Révay ein neues Stück geschrieben, in dem sich die Heldin Antigone gegen das alles beherrschende Kalkül des großen Konzerns auflehnt und Menschlichkeit einfordert. Die Handlungselemente des antiken Stückes werden unverändert in die Zukunft transportiert – das funktioniert bruchlos, da Metaphorik und Anliegen des Stückes vollkommen nachvollziehbar sind. Aus der Welt der Griechen wird vor den Augen der Zuschauer die Welt der Topmanager und Aufsichtsräte.

Seine Wirkung verdankt das Stück dem starken Kontrast zwischen der vorgeblichen Vernunft wirtschaftlicher Entscheidungen und der Archaik des Konfliktes… Die Strenge der Vorlage hat diese Bearbeitung in einen neuen Kontext übertragen: Antigone ist tatsächlich zeitlos.”

Pointiert

„In der tri-bühne, wo das Leitungsteam Géza Révay (Stückbearbeitung) und Edith Koerber (Regie) Sophokles’ ‚Antigone’ in die Gegenwart geholt haben, wird man nicht enttäuscht. [Es] werden aktuelle gesellschaftliche Missstände und deren globale Auswirkungen pointiert dargestellt und auf die Spitze getrieben. Es geht um Wassermangel, Durstrevolten, den eklatanten Unterschied zwischen Arm und Reich, Korruption und ein geradezu asoziales Gebaren, das das System am Laufen hält. Nur wenige profitieren von der Firma Staat und keiner schert sich drum. Außer Antigone…”

Flammender Appell

„Fast könnte man meinen, der unternehmerische Pragmatismus des Kreon und seiner Hofschranzen hat hier Edith Koerber erfasst, so dass eine dichte Handlung die Spannung hochhält. Und man staunt, wie wenig Veränderungen dieser Klassiker braucht, um sich ganz neuen Themen zuzuwenden. Was der Zuschauer vorgeführt bekommt, ist ein flammender Appell gegen unmenschliches Wirtschaftsstreben, gegen Oligarchen, gegen die Unterordnung aller anderen Werte unter die des Aktienkurses – mithin ein Aufruf auch gegen die Privatisierung so elementarer Güter wie Wasser. Weit weg davon sind wir wahrscheinlich nicht…”

Neue, gegenwartsbezogene Interpretation

„Hölderlin schreibt in den Anmerkungen zu seiner Übersetzung der ‚Antigone’ des Sophokles: ‚Der kühnste Moment eines Taglaufs oder Kunstwerks ist, wo der Geist der Zeit und Natur, das Himmlische, was den Menschen ergreift, und der Gegenstand, für welchen er sich interessiert, am wildesten gegeneinander stehen…’

In der Neuinszenierung der antiken Tragödie an der tri-bühne beruft sich der Dramaturg Géza Révay für seine Bearbeitung auf die Hölderlin’sche Übersetzung. Manche Textelemente, zumal in den Chorliedern, zitieren Hölderlins Fassung oder deren sprachlichen Duktus… Doch geht es Révay und der Regisseurin Edith Koerber bei ihrer Aufführung um viel mehr als nur sprachlichen Ausdruck. Zeitgeist und natürliche Humanität, göttliches Gesetz und existentielles Engagement werden in jenem ‚kühnsten Moment’, den Hölderlin als Zündfunken der Tragödie begreift, ganz neu und gegenwartsbezogen interpretiert…

Programmiert ist der tragische Konflikt zwischen idealer Humanität und zweckmäßiger Realpolitik mit aktuellem Zündstoff. Es geht bei dieser ‚Antigone’ in der tri-bühne um globale Wirtschaftsinteressen und Kräfteverhältnisse, um Shareholder-Value und Neoliberalismus als ‚das Ende der Geschichte’, um Synergieeffekte und Effektivitätssteigerungen.”