Kritiken
Amüsant und abgründig
„Der Stoff, aus dem die Sommernachtsträume sind, heißt natürlich: Liebe… Die moderne Version dieser Verwechslungskomödie sieht anders aus: Das Beziehungsgeflecht gerät zum zwanghaften Spiel, zum verzweifelten Versuch, im andern einen Anker für das eigene Dasein zu finden. ‚Mondfieber’ heißt die zeitgemäße Adaption des Autorenduos Elias Perrig und Peter-Jakob Kelting, das originalen Shakespearetext geschickt mit moderner Sprache ergänzt hat. In der amüsanten und zugleich abgründigen Hochgeschwindigkeits-Inszenierung von Christine Gnann hatte das Stück jetzt in der Stuttgarter tri-bühne Premiere.
Die Geschöpfe der Nacht agieren auf einer fragmentierten Bühnenlandschaft, die großenteils längs zu den Rängen verläuft. Mit industriellem Pyramidenschaumstoff belegt, ist sie zugleich Shakespeares Waldboden und synthetische Heimat für rauschhafte Träume und entgrenzende Emotionen… Beziehungsfähigkeit bleibt aus, wo es an Selbstachtung mangelt. Helena, der Anuschka Herbst psychologische Tiefe verleiht, ist voller Selbsthass, erniedrigt sich permanent und verfolgt Demetrius, der sie dafür verachtet. Auch Hermia, die Cathrin Zellmer zur coolen Frau macht, hält sich selbst kaum aus. Puck liebt vor allem das Chaos, das er regiert. Marcus Michalski spielt den Magier des unbewussten als mephistophelisch schillernde Künstlerfigur: ‚Mich freut am meisten, was verdreht ist’ Er ist eine Art narzisstischer Melancholiker, ein Freak, der ganz in seinem Werk aufgeht.
Köstlich die Kostüme von Judith Philipp: Sie zollen der tierisch-triebhaften Welt Tribut. Hermias Esels-Overall greift das Shakespeare-Motiv auf, Helena gockelt als Paradiesvogel. Demetrius (Martin König), ansonsten Szene-Single mit Turnschuhen, mutiert unter Pucks manipulativem Spiel zum triebgesteuerten Primaten. Die blonde Haarpracht Lysanders (Cornelius Nieden) unterstreicht sein hündisches Verhalten. Die vier Schauspieler jagen und balgen sich und spielen ihre Beziehungssuche voll zu tragikomischer Größe aus. Shakespeare hätte gewiss seine Freude an dieser Inszenierung…”
